Venus und Mars

Meine geliebte Adelheid, die seit knapp 20 Jahren mein Abteilungsleiterleben treu begleitet und in zärtlichen Momenten von mir auch gerne „Ach Heidi“ genannt wird, ist kein streitsamer Mensch. Gemeinsam versuchen wir, unser beschauliches Glück im Reihenhäuschen zu hüten und zu verwalten, Streit und Zwistigkeiten so gut wie nur irgend möglich zu vermeiden. Da wir beide stark vermuten, dass uns auf dieser Erde nur ein (in Worten: 1) Leben geschenkt wird, halten wir es für vergeudete Lebenszeit, sich gegenseitig mit unflätigen Schimpfwörtern oder blumig lackierten Suppentellern zu bewerfen. Weil wir aber beide Menschenkinder und damit nicht frei von Fehlern und Fehltritten sind,  wird auch unser Reihenhaus fallweise zum Glashaus, wo die Steine tief fliegen.

Ein Beispiel möge dem geneigten Leser verdeutlichen, wie banal Anlässe für zwischenmenschliche Differenzen und wie unterschiedlich Auffassungen sein können. Anfang Juli bedachte mich Frau Moser unvermittelt mit einem vorwurfsvollen Blick und verfiel in melancholisches Schweigen. Geschult in derartigen Situationen ergriff ich die angetraute Schulter und wollte die Ursache für ihr stillgelegtes Mundwerk erfahren. Sie hätte Hilfe bei der Versorgung ihrer fußmaroden und  frisch operierten Frau Mama gebraucht und ich hätte nicht mal mit der Wimper gezuckt. „Aber du hast kein Wort gesagt!“ konterte ich fassungslos. „Ich hätte deine Hilfe eh nicht angenommen, du hast genug um die Ohren…“ schluchzte meine Frau von der Venus. „Aber du hättest mir deine Unterstützung wenigstens anbieten sollen.“ Schlagfertig erwiderte ich als gelernter Marsianer: „???“

Und verwichenen Samstag lag ich gegen 22 Uhr bereits in der ehelichen Bettstatt, studierte Dillsaucen-Rezepturen und ein launiges Büchlein über schwedische Bräuche, als Frau Moser nach Pfirsich duftend und in den Achselhöhlen frisch rasiert, unter meine Decke schlüpfte. Sie gurrte wie ein verliebtes Täubchen, doch ich war gedanklich im hohen Norden bei den Heringen und setzte zu einem Vortrag über eingelegte Fische und innovative Marinaden an. Adelheid starrte mich entsetzt an, raffte ihren Polster an sich und entfleuchte schnaubend und feuchten Schrittes unserem Schlafgemach. „Mit Fenchelsamen!!!“ rief ich Adelheid hinterher. Aber es war zu spät, Frauen können so sensibel sein. Die Hochzeitswerkzeuge blieben in dieser Nacht verpackt und unbenützt.

 

 

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3 Kommentare zu “Venus und Mars”

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