Heiter bis wolkig

Ich bin für technischen Schnickschnack nur schwer zu begeistern, ganz im Gegensatz zu meiner lieben Frau Moser. Sie programmiert DVD-Maschinen und Mikrowellen-Uhren ohne die Bedienungsanleitung auch nur eines Blickes zu würdigen; sie zaubert auf dem Computer farbenfrohe und listenreiche Excel-Tabellen; sie entlockt ihrem Smartphone alle nutzlosen Informationen dieser Welt. Ich bewundere sie dafür, bin selbst aber vom alten Schlag. So kommt mein tomatenroter Kleinwagen – ein Spanier, benannt nach einer Baleareninsel – ganz ohne globales Positionierungssystem aus. Keine streichelweiche Damenstimme dirigiert Herrn Moser durch das Verkehrsdickicht und befiehlt mir, dem Straßenverlauf für 400 Meter zu folgen. Ich vertraue weiterhin dem Straßenatlas von Freytag & Berndt, und wenn mich die Frage nach dem Geburtsjahr von Kaiserin Sissi quält, liegt mir meine 24-bändige ledergebundene Enzyklopädie näher als Wikipedia.

„Wenn es nach dir geht, hätten wir noch immer ein Telefon mit Wählscheibe und Viertelanschluss“, nahm mich meine beste Hälfte vor wenigen Tagen auf den Arm, um mich anschließend in selbigen zu nehmen und mir ein Päckchen, damenhaft in liebesrotes, mit weißen Herzen bedrucktes Papier gehüllt, zu überreichen. Der treue Leser wird es bereits ahnen – „Ach Heidi“ beschenkte mich mit einem südkoreanischen Smartphone. Sogleich überfiel mich heftiges Herzklopfen, jedoch nicht aus Freude und Dankbarkeit, sondern aus Furcht vor dem möglichen elektronischen Scheitern.

Doch meine Technophobie erwies sich als unbegründet. Behutsam nahm mich Adelheid an der technischen Kinderhand und führte mich, alles wie einem staunenden Dreijährigen in hochdeutschem Babysprech erklärend, durch das smarte Wunderland. Brav lernte ich meine Lektion und alsbald erlag ich dem mobilen Faszinosum. Bequem tippe ich mich mit dem rechten Zeigefinger durch die heiter bis wolkige Wetterlage in Stockholm oder beleuchte meinen nächtlichen Harngang mit der Taschenlampen-App, um mein Schlummerweib nicht mit dem Deckenflutlicht aus ihren verdienten Träumen zu reißen. Und wenn einer von euch freundlichen Blogger-Kollegen den Herrn Moser liked, gibt mir der digitale Alleskönner sogleich Bescheid. Nur Pokémon Go verweigere ich beharrlich.

Foto: Niantic

 

Advertisements

20 Kommentare zu „Heiter bis wolkig“

  1. Natürlich sofort geliked, obwohl ich nicht weiß, ob dieser technische Umschwung wirklich wünschenswert ist. Wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt sogar schon ein Herr Moser …
    Jedenfalls sage ich meinen Dank für den schönen Text!

    Gefällt 2 Personen

  2. Pssst … auch ich bin so eine vom alten Schlag. Früher oder später werde aber auch ich mich wohl mit so einem Ding beschäftigen müssen, noch reicht das Handy mit Wählscheibe – lach
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. Herrlich erfrischend und so treffend… erinnert mich an Daheim😎 „Er“ war auch kein Freund von z.B. online shoppen, News auf dem Handy lesen usw. Ach das waren noch schöne Zeiten😀😀😀
    Applaus für den Schlußsatz „Pokemon“ – die brauche selbst ich Technikhandyschnickschnackbegeisterte nicht! Fett und unterstrichen…
    Schönen Tag noch

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s