Flugangst V

Die Leistung der Motoren war mittlerweile hörbar angestiegen und das leichte Zittern hatte sich in heftiges Rütteln verwandelt. Der Pilot gab ordentlich Gas und wir rasten über die Startbahn als gäbe es kein Morgen. Unendlich lange, und das Flugzeug hob nicht und nicht ab. Die Düsentriebwerke orgelten eine teuflische Symphonie und Flug 243 rührte sich keinen Millimeter vom Boden. Die Boeing vibrierte als würde sie sich jeden Moment in tausend Stücke auflösen, doch die Menschen ringsum lasen in ihren Gratiszeitungen als ginge sie das alles nichts an. Aber dann – ich wurde mit unsichtbarer Gewalt in den Sitz gedrückt, fühlte eine kurze Blutleere im Kopf und mein Magen schwebte irgendwo im Brustkorb. Als ich kurz darauf einen Blick aus dem Bullauge riskierte, war die gute alte Mutter Erde verschwunden.

Der unsägliche Mensch rechts neben mir, dessen spinatgrüner, ausgewaschener Ärmel inklusive Schweißfleck gefährlich an meinem mausgrauen Sakko schabte, quittierte das Verlassen unseres Heimatplaneten mit zwei leisen, aber doch deutlich vernehmbaren Rülpsern. Dem Geräusch und den nachfolgend würgenden Schluckbewegungen nach zu urteilen, hatte der Elefant Mühe, sein sicherlich reichhaltiges Frühstück unter Kontrolle zu halten. Eine Beschreibung des Geruches, den die Eruptionen nach sich zogen, möchte ich Ihnen ersparen. Nur soviel: ich nahm umgehend mit dem vor mir im Sitznetz steckenden Papierbeutel Blickkontakt auf. Ich konnte ja nicht ahnen, dass die zwei Elefanten-Rülpser nur die Vorboten auf ein weit schrecklicheres Ereignis waren.

Leises Flaschengeklirre und der vage Duft von Essbarem kündigte die nahende Ausspeisung an. Dienstlich lächelnd schoben Blond und Tizianrot eine schlanke Metallbox auf Rädern durch den Gang, verteilten ein frühes Mittagessen – es war inzwischen 10:55 – sowie Bier, Cola, Orangensaft und Mineralwasser. Auch kleine Flaschen Rot- und Weißwein, Marke „Kellerknirps“, waren darunter. Als das labende Personal noch sechs oder sieben Reihen entfernt war, nahm auch die feine Nase des Elefantenmenschen Witterung auf.

Schließlich stand Madame Tizian neben uns und wollte wissen, ob wir etwas trinken möchten. Runzel-Oma begehrte Tee und wurde auf später vertröstet. Aus hygienischen Gründen erschien mir eine verschlossene Dose Cola die richtige Wahl. Der Koloss zeigte der Stewardess reichlich rosiges Zahnfleisch und flötete: „Ich hätte jetzt gern meinen Cognac. Sie wissen, wegen der Flugangst. Und ein Glas Milch bitte.“ Sie ging in die Hocke, soweit es der enge, weinrote Rock zuließ, angelte ein Miniatur-Fläschchen „Scharlachberg“ aus den unteren Regionen des Metallschrankes und servierte es mit den Worten: „Milch haben wir keine. Meine Kollegin kommt später mit Kaffee und Tee. Möchten sie inzwischen ein Wasser oder ein Glas Bier?“ „Oh nein“, entgegnete er. „Bier ist ja sehr stark harntreibend und ich wüsste nicht, wie ich es an Ihnen und dem Essenswagen vorbei zeitgerecht zum Klo schaffen könnte.“

Der Wagen rollte ein Stück weiter, damit die Blonde ihres Amtes walten und das Essen ausgeben konnte. Der Dicke öffnete zum Trost das Schnapsfläschchen, legte den fleischigen Schädel in den Nacken und schüttete den Inhalt glucksend in den mächtigen Leib. Kaum hatte er den Trostspender und Flugangstvertreiber abgesetzt, sackte das Flugzeug in ein tiefes Luftloch. Besteck, Flaschen und das Gebiss der Greisin klapperten, vereinzelt Aufschreie. Mein Magen schlug einen Salto und das Gehirn schwebte für einen Moment im Vakuum.

Mein elefantöser Herr Nachbar jedoch verlor nun endgültig die Kontrolle über sein Frühstück. In hohem Bogen ergoss sich ein halbverdautes Gemisch aus zwei Stück Guglhupf (mit Rosinen) und zwei Käsebroten, angereichert mit gut einem Liter Milch und 2 cl Cognac, über das weinrote Flugbegleiterinnenkostüm der Blondine. Ihr freundliches  Lächeln, mit dem sie uns noch vor wenigen Sekunden Hühnerbrüstchen mit Teigwaren, gefällig dekoriert mit Salatblatt und einer Tomatenscheibe, kredenzen wollte, gefror zu einer unnatürlichen Fratze. Das dunkelrot bemalte Mündchen stieß ein spitzes „Iiiiiiiihh!!“ hervor. Mein Herz raste. Die Ohren auf Rotlicht gestellt, stammelte der Unglückswurm: „Ich….. es tut mir… verzeihen Sie…. ich wollte nicht…“ während die Reste der säuerlichen Gabe von seinen Mundwinkeln auf Hose und Polsterbezug tropften. Die Stewardess, die ein vormals silbernes, jetzt gesprenkeltes Schildchen als „Eva Matthis“ auswies, stand offenbar unter Schock. „Was habe ich Ihnen getan, Sie… Sie…?!!“ schrie sie den Erbrecher an, während sie versuchte, die Dienstkleidung mit Papierservietten von der sehr persönlichen Spende des fetten Passagiers zu befreien.

Im nächsten Augenblick stülpte das Mütterchen neben mir, wohl angeregt vom Duft des Vergorenen, der sich nun langsam in der Kabine ausbreitete, ihr Inneres nach Außen. Die Attacke traf sie unvorbereitet, denn ihr Strahl fand nicht den Weg in die dafür vorgesehene  Papiertüte, sondern streifte die Lehne des vorderen Sitzes, um schließlich samt Gebiss im Nacken der darin befindlichen Mittzwanzigerin zu landen. Diese wollte aufspringen, wurde jedoch vom Sitzgurt in die Schranken gewiesen. Panisch zuckte ihre Hand zur getroffenen Stelle. Als sie sich das Händchen mit den grausam violetten Fingernägeln vor Augen führte und die Finger spreizte, zogen sich darin übel riechende, rot-weiße Speichelfäden. Und am Daumen hatten sich die künstlichen Kauwerkzeuge meiner urlaubsreifen Nachbarin festgebissen. Das sehr modebewusste, sehr geschminkte, sehr sonnenbankgebräunte und sehr blonde Fräulein wollte schreien. Doch kein Ton kam aus ihrem offenen Mund mit den strahlerweiß gebleichten Zähnen. Dafür jedoch ein satter, ganz und gar nicht damenhafter Schwall aus pürierten Erdnüssen und halbtrockenem Sekt. Mein Beitrag zum großen Gemeinschaftskotzen kündigte sich gottlob durch heftigen Speichelfluss an, sodass ich zeitgerecht die Kotztüte zücken und mit Frühstückskaffee und einer Buttersemmel füttern konnte.

So setzte sich das muntere Reihern durch die halbe Touristenklasse fort. Die Luft war vom Geruch des Erbrochenen hochschwanger. Wir schauten den völlig aufgelösten Stewardessen dabei zu, wie sie hektisch Tücher und Schwämme schwangen, hilflos bemüht, den ärgsten Schaden zu beseitigen. Vor den beiden Toilettentüren bildeten sich endlose Menschenschlangen, mit gerümpften Nasen hielten die Passagiere voreinander respektablen Abstand. Ich öffnete eines der Erfrischungstücher mit Limettenduft, die nun vom Personal reichlich unters Volk gebracht wurden, drückte es mir vor die Nase und versuchte, ein wenig zu schlafen. „Schade, dass man in einem Flugzeug kein Fenster aufmachen kann“, flüsterte das Bubenstimmchen in mein rechtes Ohr. Ich schluckte mein zweites Valium und begann leise zu weinen.

Bild: welt.de

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