Flugangst I

Die gute Nachricht vorneweg: Das Bangen um Herrn Moser hat sich gelohnt und ich habe unversehrt Stockholmer Boden betreten. Dennoch war der Flug der reinste Höllenritt, wie ich dem geneigten Leser in den nächsten Tagen ausführlich berichten werde. Fasten seat belt.

Keuchend und auf das heftigste transpirierend kämpfte sich das Ungetüm durch den schmalen Mittelgang des Flugzeuges. Ein spinatgrüner, dünner Rollkragenpullover mit ausgeleiertem Kragen spannte sich wie eine zweite Haut über den enormen Wanst; darüber ein Schädel mit fantastisch abstehenden, großflächigen Ohren, durchscheinend und dünn wie Pergament. Das spärlich gekräuselte Haar, das eigentlich mehr ein Flaum war, hatte die Farbe von frisch gepresstem Karottensaft.

Vor dem monströsen Bauch hielt die pittoreske Erscheinung eine braune, abgewetzte Reisetasche umklammert, während die kleinen, wasserblauen Äuglein offenbar nach dem ihm zugewiesenen Sitzplatz fahndeten. Immer wieder stieß er zwischen den barocken, herzförmigen Lippen ein schüchternes „Verzeihen“ oder „Gestatten“ hervor, wenn andere Passagiere mit seiner gewaltigen Leibesfülle unfreiwillig Bekanntschaft schlossen. Missbilligende Blicke folgten dem reisenden Riesen, dessen Ohren durch die Kollisionen in Schwingung gerieten und bei jeder gemurmelten Entschuldigung in dezentem Rot aufglühten. Ich spürte Panik in mir hochsteigen. Nein, das Schicksal konnte es nicht so grausam mit mir meinen. Nicht den Platz neben mir! Doch der Mensch gewordene Elefant näherte sich unaufhaltsam, ließ den Blick zwischen seiner Bordkarte und den über jeder Sitzreihe angebrachten Nummernschildern schweifen.

Nervös gruben sich meine Fingernägel in die perfekt gebügelte Hose des grauen Reiseanzugs. Ich würde die unmittelbare Nähe dieses Fleischgebirges neben mir nicht ertragen. Da war ich mir sicher. Für den Fall, dass dieser üppige Kelch nicht an mir vorüber zog, musste ein Plan her. Der Spinatpullover mit dem orangen Schädelflaum war nur noch vier Sitzreihen entfernt. Die einzige Lösung, die meine grauen Zellen in dieser prekären Situation anboten, war das Vortäuschen von Übelkeit verbunden mit der Bitte an eine Stewardess, mir einen anderen Sitzplatz mit etwas mehr Freiraum – etwa neben dem Notausgang – zuzuweisen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich diese List niemals in die Tat umsetzen würde.

Es liegt in meiner Natur, nicht aufzufallen. Es ist mir ein Gräuel, Blicke auf mich zu ziehen, im Mittelpunkt zu stehen. Die Maschine war bis auf den letzten Platz ausgebucht und mein Anliegen würde unweigerlich für Aufruhr sorgen. Selbst wenn ich mich überwinden könnte, eine Flugbegleiterin außerplanmäßig auf mich und meinen Sonderwunsch  aufmerksam zu machen, müsste sie jemanden finden, der bereit war mit mir den Sitzplatz zu tauschen. Sie würde in ihrem weinroten Kostüm und dem gepunkteten Halstuch durch die Reihen gehen, mit Passagieren flüstern und in meine Richtung zeigen. Köpfe würden sich zu mir drehen, Nachbarn miteinander tuscheln. Und der schwitzende Riese würde meinen perfiden Plan natürlich durchschauen. Niemals im Leben konnte ich mich einer derartigen Peinlichkeit aussetzen.

„Wahrscheinlich ist er ohnehin zu fett für nur einen Sitzplatz!“ warf mir das verzweifelte Gehirn einen letzten Rettungsanker zu. Blitzschnell und dennoch so unauffällig und zufällig wie möglich blickte ich zu den Reihen schräg hinter mir. Tatsächlich! Da waren noch zwei Plätze nebeneinander frei. 18 B und C würden das unförmige Hinterteil des Kolosses in den nächsten Stunden beherbergen! Ehe ich das Gefühl des Triumphes richtig auskosten konnte, traf mich besagter Rettungsanker tonnenschwer am Kopf und riss mich in ein tiefes Loch.

Fortsetzung folgt. Und das wird NICHT lustig!!!

Advertisements

3 Kommentare zu „Flugangst I“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s