Flugangst II

Hier nun wie versprochen die Fortsetzung meiner Erlebnisse auf dem Flug von Wien nach Stockholm, wo ich im Auftrag unseres Fischkonservendirektors, Herrn Mag. Pfotenhauer, die Produktion von Heringsfilets in Dillsauce ankurbeln soll.

„Hallihallo!“ Ich hob langsam den Kopf und blickte in ein perlweißes, liebenswürdiges Lächeln. Ein weicher Kussmund legte eine Reihe winziger, quadratischer Zähne frei, eingebettet in reichlich rosigem Zahnfleisch. An die zwei Meter groß, die hohe Stirn über und über mit Schweißtropfen bedeckt, die sich in kleinen Bächen ihren Weg über die Pausbacken und den kaum vorhandenen Hals in den Rollkragen bahnten, stand der menschenähnliche Elefant nun tatsächlich vor dem freien Sitzplatz neben mir. Meine Kehle war im Gegensatz zu den Handflächen staubtrocken. Hilflos lieferte ich mich dem Schicksal aus und erwiderte den Gruß mit einem Kopfnicken. Mit zitternden Fingern fischte ich eine bunte Hochglanzbroschüre aus der Rückenlehne meines Vordermannes und vertiefte mich in das zollfreie Alkohol- und Parfumangebot der Airline, während der ungebetene Gast sein schweinsledernes Handgepäck umständlich in der Ablage über unseren Köpfen verstaute. Obwohl ich wie gebannt in das Heftchen stierte, als würden mit dem Duft „Mystery“ einer gewissen Naomi Campell die letzten Geheimnisse der Menschheit offenbart, blieben mir die pizzatellergroßen, dunklen Schweißflecken in der Achselregion des Fettgebirges nicht verborgen. Allerdings verströmten sie ganz und gar nicht den verführerischen Duft einer ofenfrischen Pizza, sondern ein säuerliches Gemisch aus ranziger Milch und Turnhallenschweiß. Meine Gene sind hinsichtlich körperlicher Nähe, Sauberkeit und üblen Gerüchen äußerst sensibel programmiert, und ich spürte einen leichten Brechreiz in mir aufkeimen als sich die vorsichtig geschätzten 160 kg transpirierendes Fleisch neben mich auf den Gangsitz zwängten. Obzwar nicht übertrieben religiös schickte ich ein Stoßgebet zum Allmächtigen, in dem ich um eine Extraportion Ruhe & Gelassenheit, sowie um pünktlichen Start und ebensolche Landung flehte. Als kleine Zugabe schob ich noch den Wunsch hinterher, der Mann möge taubstumm sein. Zwangloser Smalltalk gehört nicht zu meinen Stärken.

Vor mir lagen 135 Minuten Höllenritt. Die Gesetze der Schwerkraft und Aerodynamik sind mir seit je her ein Rätsel geblieben. Es ist nicht nachvollziehbar für mich, wie sich ein so unförmiges Ding wie eine Boeing 747 in die Luft erheben kann. Und wenn das tatsächlich funktionieren sollte, welche übernatürlichen Mächte hinderten das tonnenschwere Monstrum daran, einfach vom Himmel zu stürzen? Doch damit nicht genug. Die ansonsten recht freundliche Dame am Check-In-Schalter hatte mir den mittleren Sitzplatz einer Dreierreihe zugewiesen. Eingeklemmt zwischen zwei wildfremden Menschen würde ich in 10.000 Metern Höhe, ohne Möglichkeit zur Flucht, in ein mir völlig unbekanntes Königreich namens Schweden gebracht.

Einziger Lichtblick: Links neben mir, direkt am Bullauge, kauerte ein schmächtiges, weißhaariges Mütterchen, das kaum Platz einnahm und mit stoischer Ruhe in ihrer schwarzen Plastikhandtasche kramte. Von ihr schien keine zusätzliche Gefahr auszugehen. Sie förderte eine kleine Blechdose mit Pfefferminzpastillen zutage und steckte sich eine der weißen Pillen in den Mund. Unvorsichtigerweise hatte ich wohl einen Augenblick die Kontrolle über mich verloren und sie dabei etwas zu auffällig beobachtet, denn die vertrocknete, fast mumienhaft wirkende Alte drehte mir ihr verrunzeltes Antlitz zu, ließ mit leisem Knacken das schlecht sitzende Gebiss einrasten und hielt mir die Schachtel, die mit eisblauem Aufdruck „extrafrischen Atem“ versprach, unter die Nase. „Möchten Sie?“ Obwohl meine ausgedörrte Mundhöhle mit Sicherheit eine Speichel fördernde Erfrischung vertragen hätte, hob ich abwehrend die Hand und rang mir ein „Nein, vielen Dank!“ ab, das freundlich klingen sollte, bei objektiver Anhörung aber mehr einem „Lass mich bloß in Ruhe!“ ähnelte. Zum Ausgleich schickte ich noch ein Lächeln hinterher, welches aber so unecht wirkte wie die schwarze Lederimitation ihrer Handtasche.

„Vielleicht der junge Mann neben Ihnen?“ ließ die überreife Lady nicht locker und bugsierte ihren ausgestreckten Arm mit den Lutschbonbons an mir vorbei Richtung Fettsack. Dabei kitzelten ihre Altweiber-Dauerwellen meine Nase, wo sich der Geruch von Haarspray, Pfefferminze und ranzigem Schweiß zu einem infernalischen Gemisch vereinigten. Ich hielt den Atem an und presste mich so tief wie möglich in die Rückenlehne. Den Kopf starr nach vorne gerichtet, drehte ich die Augen auf drei Uhr – um der Situation angepasst in der Fliegersprache zu bleiben – und erkannte, dass mein kolossaler Nachbar inzwischen Kopfhörer angelegt hatte. Die kleinen Äuglein fest zusammen gepresst, bewegte er stumm die weibischen Lippen, über denen glitzernde Schweißperlen in Reih und Glied standen. Aus dem sommersprossigen Gesicht war jede Farbe gewichen, die riesigen Ohren hingegen – von den kleinen Kopfhörern nur mangelhaft abgedeckt – glühten dunkelrot und signalisierten höchste Alarmbereitschaft. Scheinbar war ich mit meiner Flugangst nicht alleine.

Fortsetzung folgt.

 

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2 Kommentare zu „Flugangst II“

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