Flugangst III

 

Inzwischen schwebte eine schlanke, blonde Stewardess mit professionellem Lächeln durch den Mittelgang und ließ einen prüfenden Blick über die Bäuche der Passagiere gleiten. Hin und wieder verteilte sie ein höflich-bestimmtes „Legen Sie bitte Ihren Sicherheitsgurt an“. Vor dem gewaltigen Bauch meines Nachbarn angekommen, hielt sie zweifelnd inne, denn es war beim besten Willen nicht zu erkennen, ob dieser unter seiner trommelförmigen Leibesmitte einen Gurt trug oder nicht. Also kam die weinrot kostümierte Flugfee ihrer Pflicht nach, beugte sich zu seinem Segelohr, das noch immer von Walkman und Kopfhörer beschallt wurde, und sagte: „Entschuldigen Sie!“ Der Dicke zeigte keine Reaktion und beschwor mit geschlossenen Lidern lautlos die Götter der Luftfahrt. So vermutete ich jedenfalls. Die blonde Flugbegleiterin ging zu Plan B über und legte (freiwillig!) eine Hand mit manikürten und im Farbton passend zur Arbeitskleidung lackierten Fingernägeln auf die Schulter des schwitzenden Riesen.

Ein mittleres Erdbeben erschütterte unsere Sitzreihe als er sich schlagartig aufrichtete und dabei sein orange bewachsenes Haupt in das Kinn der leicht vornüber gebeugten Stewardess rammte. Das weinrote Kostüm kippte samt Inhalt und der Länge nach in die Zeitungen der hinter ihr befindlichen Passagiere. Meine greise Nachbarin bekam vor Schreck ihr Pfefferminz in den falschen Hals und drohte zu ersticken. Mit einem Ruck schleuderte der wild gewordene Elefant die Kopfhörer von sich und piepste: „Nein! Bitte nicht! Ich will nicht sterben!“

Ja, er piepste. Denn aus dem gewaltig dimensionierten Körper des 40- oder 45jährigen Mannes drang kein sonorer Bass, sondern das dünne, helle Stimmchen eines 12jährigen Jungen. Doch mir blieb keine Zeit für Verwunderung über diesen krassen Gegensatz, denn die hustende und würgende Mumie am Fensterplatz lief bereits blau an. Ich berühre fremde Menschen nur sehr ungern und im äußersten Notfall, und ein solcher schien hier vorzuliegen. Beherzt und dennoch vorsichtig schlug ich der alten Dame mit flacher Hand auf den zerbrechlichen Rücken und kurz bevor ihr extrafrischer Atem endgültig zum Stillstand kam, entließ sie das auf Erbsengröße geschrumpfte Bonbon in die Freiheit. Mit Hustentränen gefüllten Augen hauchte sie: „Danke junger Mann, Sie haben mir das Leben gerettet.“ In Ermangelung einer besseren Antwort nickte ich bloß und murmelte: „Gern geschehen.“

Die tapfere Flugbegleiterin war hart im Nehmen und rappelte sich aus den raschelnden Tageszeitungen unserer verdutzten Nachbarn hoch, während das Ungetüm an meiner Seite die Lehne vor sich anschrie: „Was ist passiert? Um Gottes Willen, was ist passiert!?“ Im Flugzeug machte sich langsam Panik breit. Von allen Seiten prasselte aufgeregtes Stimmengewirr auf mich ein, jemand rief: „Ein Arzt! Ist ein Arzt an Bord?“ Hätte ich in diesem Moment einen Wunsch frei gehabt, hätte ich mich wohl für eine Tarnkappe entschieden. Die faltige Lady umkrallte mit braun gesprenkelten Händen ihr Plastiktäschchen und sagte in meine Richtung: „Ich möchte doch nur Urlaub machen! Santa Ponsa, drei Sterne, inklusive Mittagsbuffet.“ Auch der Dicke entdeckte mich als Ansprechpartner, zupfte mich am Ärmel und winselte: „Was ist passiert?“ Ich wollte keine Diskussion provozieren und hielt in diesem Fall hartnäckiges Schweigen für die passende Antwort.

Wird fortgesetzt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s