Flugangst IV

Noch ist mein Flugzeug nicht in Stockholm gelandet… Die tragischen Ereignisse nahmen ihren Lauf.

Der elefantöse Mann tastete wurstfingrig nach dem verlangten Gurt, doch seine quellenden Fettmassen füllten jeden Millimeter des Sitzes aus und seine Suche verlief ergebnislos.Die Rote machte sich gerade auf den Weg zum Cockpit, als sie das dünne Piepsstimmchen inne halten ließ. „Entschuldigen Sie nochmals, aber ich fürchte, auf meinem Platz fehlt der Sicherheitsgurt!“ Ich nehme an, dass die Stewardess in diesem Moment mit ihrer Berufswahl nicht gerade glücklich war, doch sie ließ sich nur wenig anmerken und bat den Unruhestifter aufzustehen. Er quälte sich aus dem Sitz und die gute Frau zupfte mit spitzen Fingern den Gurt aus der Ritze zwischen Lehne und Sitzfläche. Voraus schauend schob sie noch das Schnappschloss an das äußerste Ende, wies mit sehr professioneller Geste und gepresstem „Bitte schön“ auf den einsatzbereiten Sitzplatz und wollte schon das Weite suchen, doch mein peinlicher Nachbar hatte noch ein Ass im Ärmel.

„Ach Schwester, würden Sie mir bitte einen kleinen Cognac bringen? Zur Beruhigung. Ich trinke ja normalerweise nur Milch, aber die Flugangst….“ „Lieber Herr!“ antwortete sie bereits hörbar gereizt. „Erstens bin ich keine Schwester, sondern Flugbegleiterin, und Getränke servieren wir erst, wenn wir die vorgesehene Flughöhe erreicht haben. Sie müssen sich also noch ein wenig gedulden.“ Und damit entschwand die attraktive Tizianlady endgültig. Der liebe Herr plumpste in die blaurot gemusterte Bespannung seines Sessels und schaffte es nach zweiminütigem Kampf, seinen Monsterbauch an den Sicherheitsgurt zu fesseln. Dann begann er seine Fingernägel, bzw. das was noch davon übrig war, zu verspeisen.

Ein leichtes Vibrieren ging durch die Maschine als die Motoren aufheulten. Mein Arbeitskollege Eisenschenk hatte mir zwar versichert, dass Fliegen eine der sichersten Fortbewegungsarten sei (und er musste es wissen, immerhin war sein Vater Pilot bei der AUA gewesen und absturzfrei in den Ruhestand geflogen), dennoch krampfte sich bei dem Gedanken an den nahenden Start mein Magen zusammen. Ein Blick aus dem kleinen runden Fenster verriet mir, dass sich die Maschine in Bewegung gesetzt hatte und schwerfällig in Richtung Startbahn rollte. Der Dicke spielte mit den Luftdüsen, die neben einigen anderen Tasten an der Unterseite der Gepäckablage angebracht waren, um seinen erhitzten Körper mittels Frischluftzufuhr auf normale Betriebstemperatur abzukühlen. Erschrocken zuckte er zurück, als ohne weitere Vorwarnung kleine Bildschirme aus der Ablage herunter klappten. Dankbar für ein wenig Ablenkung hoffte ich auf einen lustigen Spielfilm oder eine interessante Dokumentation über unser Reiseziel, doch das Gebotene trug nicht dazu bei, meine Angst vor dem nahenden Start einzudämmen. Computeranimierte Figuren demonstrierten, wie man sich im Notfall zu verhalten hätte. Man zeigte Notausgänge, Gummirutschen, Sauerstoffmasken, Schwimmwesten. Mein Magen-Darm-Trakt zeigte erste Anzeichen von Revolution. Auch mein Nachbar zur Rechten zeigte Wirkung und starrte mit geöffnetem Mund auf das Display. „Warum haben wir Schwimmwesten, aber keine Fallschirme unter den Sitzen?“ wandte er sich plötzlich an mich. „Vermutlich dürfte es schwierig sein, 150 Passagiere im richtigen Umgang mit Fallschirmen zu unterweisen und sie dann geordnet raus springen zu lassen, während die Maschine mit Motorschaden auf die Erde zurast“, schien mir die richtige Antwort. Da ich aber ein Gespräch im Allgemeinen und eines über Flugzeugabstürze im Speziellen vermeiden wollte, sagte ich nur: „Keine Ahnung.“

Demnächst folgt das grausame, unappetitliche Finale.

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