Ornithophobie

Die Angst vor Vögeln (zweideutige Anspielungen sind sofort aus dem Gedächtnis zu streichen!) wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Im zarten Säuglingsalter pflegte mir meine liebe Mama Moser die tägliche Frischluftdosis per Spaziergang im gegenüber liegenden Schönbornpark zu verabreichen. Während ich also eines Tages unschuldig im gut gepolsterten Kinderwagen lag, abwechselnd an Daumen und Trinkflasche nuckelnd, und sorgenvoll die sprießende Flora und Fauna rund um mich betrachtete, verdunkelte ein bedrohlicher Schatten meinen kindlichen Horizont. Und ehe ich meine Stoffwindel vollpupsen konnte, krallte sich ein verschlagener, blutrünstiger Habicht mein Fläschchen mit körperwarmem Himbeersaft. Zurück blieb ein zutiefst verstörter, brüllender Moser junior, der fortan mit einer ausgewachsenen Ornithophobie geschlagen war.

Verwichenen Freitag begab es sich um die Mittagsstunde, dass mein vorwitziger Kollege Gunnar Svenson unser Bürofenster öffnete, um den überdurchschnittlichen schwedischen August-Temperaturen Einlass zu gewähren. Es dauerte keine acht Minuten, als ein seltsames, unsympathisches Vogelfeder-Sirren die Luft erfüllte und ein kreisender Schatten auf meinem Bildschirm für Unruhe sorgte. Svenson hatte das graue, gefiederte Grauen in unsere sonst so sicheren Geschäftsräume gelassen. Ich schrie „Taube im Raum, Taube im Raum! Alarm!“ Zwar verstand niemand meiner Schwedenkollegen mein deutsches Gebrüll, doch unsere Controllerin schlüpfte panisch unter ihren silbrigen Kunststoff-Schreibtisch und ein Laufbursche aus den Fertigungshallen vollführte mit einem gelben Aktenordner akrobatisch-kreisende Bewegungen. Svenson kicherte hysterisch, Lohnbuchhalter Lars stellte sich ans offene Fenster und gurrte. Ich schlich auf allen Vieren der Wand entlang zur Toilette, wo ich mich unauffällig einriegelte und Frau Moser per Whats App informierte, dass mein letztes Stündlein geschlagen hat. „Invasion von Außerirdischen in Stockholm?“ frug sie keck zurück. Auf meine Antwort „Nein Taube!“ riet sie mir, in Zeichensprache meine friedvollen Absichten zu bekunden. Dies sei bei Tauben ein probates Mittel. Manchmal beschleicht mich das dumpfe Gefühl, dass mich diese Frau einfach nicht ernst nimmt.

Foto: Tierchenwelt.de

 

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3 Kommentare zu „Ornithophobie“

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