So ein Theater!

Über die Schwester einer Arbeitskollegin, deren Tante ihre 20jährige Tochter bei ihren experimentellen Theaterambitionen heftigst unterstützt, kam meine allerliebste Adelheid kostenfrei zu Tickets der Uraufführung des Stückes „Fe-mal drei“. Allein schon der Titel hätte mir zu denken geben müssen.

„Moser“, frohlockte die Gattin zwischen Hühnerbeinen und Schokoladepudding, „wir gehen ins Theater! Für lau!“ Als erfahrener Ehemann rang ich mir reflexartig ein erfreutes Lächeln ab, während mir das Blut in den Adern gefror. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ihr Herr Moser ist durchaus ein Freund der holden Künste, bildend oder darstellend, doch fühle ich mich mehr im klassischen, begreifbaren Metier zu Hause. Abstraktes, Avantgardistisches und Experimentelles verwirrt mich mehr denn es mich unterhält. Und Gratis-Theaterkarten, verabreicht über drei Ecken, ließen mich Böses ahnen.

Das „Theater“, in einer kleinen Seitengasse und darüberhinaus im Keller gelegen, bot Platz für etwa 30 Verwandte, Freunde und Verirrte. Es war ein schwüler Augustabend, und für eine Klimatisierung der Räumlichkeiten war offenbar das Budget nicht ausreichend, sodass wir es kuschelig warm hatten. Das dichtgedrängte Ambiente und die feministischen Kampfparolen an den Ziegelwänden (Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!) ließen meine Schweißdrüsen auf Hochtouren arbeiten. Frau Moser klimperte mit den frisch getuschten Wimpern.

Das Bühnenbild bestand aus schwarzen Vorhängen und zwei kofferartigen Aluminium-Kisten, aus denen die Protagonisten bei Bedarf ihre Requisiten hervorzauberten. Die Damen und Herren des Ensembles trugen allesamt olivgrün gefleckte Military-Hosen und weiße Unterleibchen. Dazu schrien sie abwechselnd ihre Texte ins Publikum, rissen die Augen auf und erhoben reckend ihre Fäuste. Ich verstand kein Wort, aber irgendwie waren wir Männer die Bösen in dieser Geschichte. Nach zwanzig Minuten verschwand ich, offiziell zutiefst bedauernd, in Richtung Urinal. Vor dem Theater rauchte ich noch hastig zwei Marlboro light, ehe ich mich seufzend und unter verhaltenem Szenenapplaus zurück auf meinen Platz quetschte.

Im zweiten Teil wurde es nicht besser. Die engagierten Nachwuchs-Mimen schleuderten, ebenfalls schwitzend, mit Geschrei ihre Speicheltröpfchen in die erste Reihe. Ich dachte an den seligen US-Präsidenten und Sklaverei-Abschaffer Abrahm Lincoln, dem das Glück zuteil wurde, während einer Theateraufführung erschossen zu werden. Ich hätte in diesem Moment gern mit ihm getauscht.

 

 

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7 Kommentare zu “So ein Theater!”

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