Bertl rockt!

Adelheid liebt es, mir kleine Post-It-Zettel mit kryptischen Nachrichten zu hinterlassen. An der Kühlschranktür, auf meinem Aktenkoffer, in meiner Lunchbox, am Kopfkissen – Heidi ist allgegenwärtig. Heute Morgen klebte eine gelbe Botschaft am Rasierspiegel: „AM SA SPIELT B. IM E. NICHT VERGESSEN! A. M.“ Ich habe zehn Minuten gebraucht um herauszufinden, dass mit B. mein Bruder Herbert, genannt Bertl, gemeint ist, dass er einen Auftritt im Club Einstein hat – und A. M. Adelheid Moser bedeutet.

Bertl ist seit frühester Jugend mit Leib und Seele Musiker, genauer gesagt Gitarrist und Sänger der Death Heavy Metal Hardrock Band Stormbringer. Und Bertl hat das Jekyll & Hyde Syndrom: Im Berufsleben trägt er Verantwortung in einer Bank, in seiner Freizeit trägt er Lederkluft, Tatoos und ein Piratenkopftuch mit Totenkopf. Der Spießbürger, der sich tagsüber mit Kreditvergaben, Sicherheiten und Zinsen beschäftigt, mutiert bei Einbruch der Dunkelheit zum biertrinkenden Altrocker. Heidi nennt ihn auch „Bertl, das Chamäleon“.  Er nötigt seiner E-Gitarre Töne und Soli ab, die so manchem Abteilungsleiter einer Fischkonservenfabrik die Ohren bluten lassen. Und alljährlich zur Herbstzeit lässt mein Bruder samt Bandkollegen im Club Einstein die Hardrock-Sau raus. Und wenn „Stormbringer“ konzertieren, mischen uns Heidi und ich unter die wildesten Bierbäuche, Zopfträger und Harley-Fahrer von Wien. Wir tauschen unsere Brillen gegen Kontaktlinsen, ziehen schwarze T-Shirts mit dem Band-Logo an und headbangen in den vorderen Reihen, als wären wir vom Teufel selbst besessen. Der Vorteil: Meine Abteilungsleiterfrisur verrutscht selbst bei ärgstem Geschüttel keinen Millimeter. Bertl aber ist voll in seinem Element und gießt sich freudig einen Plastikbecher mit Bier über den Kopf, wenn er uns erspäht.

Nach etwa zwei bis drei Songs ziehen wir uns in der Masse langsam zurück Richtung Ausgang. Mein Bruderherz und seine Rockkapelle sind nun in ihrer eigenen Dimension und nehmen Herrn und Frau Moser längst nicht mehr wahr. Wir flüchten in ein charmantes, kleines Lokal zwei Gassen weiter, reinigen unsere Ohren mit Wattestäbchen und bestellen zwei Gläschen Gumpoldskirchner. „Schön war´s wieder“, nickt Heidi. „Ja, Gitarre spielen kann er, der Bertl“, bekräftige ich.

Advertisements

3 Kommentare zu „Bertl rockt!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s