Früchte des Zorns

Frau Moser und ich sind große Freunde des Cantharellus cibarius, dem Leser nördlich des Weißwurstäquators auch als Pfifferling bekannt, die Bayern und Österreicher nennen diesen schmackhaften Pilz aufgrund der dottergelben Farbe einfach Eierschwammerl. Alljährlich im späten Sommer oder frühen Herbst packt uns das Jagdfieber und ich pirsche mit Heidi durch einen bodensauren Fichtenwald in der südlichen Steiermark (der genaue Standort wird nicht verraten, da wir touristische Schwammerlsammler fernhalten wollen), um die uns per Gesetz zustehende Menge von zwei Kilogramm zu ernten. Adelheids Kalbsgeschnetzeltes mit frischen Eierschwammerln in Rahmsoße schmeckt mit selbst erlegter Beute einfach doppelt so gut – wobei mit Beute natürlich die Pilze gemeint sind, und nicht das Kälbchen. Diesmal meinte es der Schwammerlgott besonders gut mit uns und nach einem fünfstündigem Streifzug durch Wald und Flur waren unsere Körbe und Beutel bis obenhin gefüllt. Bei einem eingeborenen Bauern, der einen seltsamen Dialekt sprach, kauften wir per Zeichensprache noch drei Flaschen des steirischen Spezialweines Schilcher, einen prächtigen Kürbis und zwei Körbchen Waldbeeren. Dermaßen für den kulinarischen Herbst gerüstet, traten wir in unserem tomatenroten Spanier die Heimreise nach Wien an.

Vergnügt pfiffen wir „All the leaves are brown“ von The Mamas & The Papas, als ein unbekümmerter, vielleicht sogar brünftiger Hase die Bundesstraße hoppelnd kreuzte und mich zu einer Notbremsung nötigte. Die Reifen quietschten und rauchten, der Kleinwagen wedelte mit dem Heck – aber Meister Lampe überlebte die Begegnung mit den Mosers unverletzt. Der roséfarbene Schilcher hingegen, gekeltert aus der Blauen Wildbachertraube, ging zu Bruch, da ich die Flaschen unvorsichtigerweise lose zwischen die Eierschwammerlsäcke gestopft hatte. Schnell machte sich im Wagen ein säuerlicher Weingeruch breit und Heidi zeigte schweigend aber bestimmt auf eine am Horizont auftauchende Tankstelle.

Ich lenkte unseren Flitzer auf den Parkplatz, entlud die Früchte des Waldes und entsorgte die Scherben. Dann schrubbte ich seufzend die Rückbank mit Mineralwasser, um Flecken und Alkoholgestank zu vertreiben. Adelheid nutzte die Gelegenheit und suchte die etwas verwahrloste Toilette der Tankstelle auf. Angewidert und mit spitzen Fingern kletterte sie zurück auf den Beifahrersitz, sodass wir die Heimreise fortsetzen konnten.

„Glück im Unglück“, versuchte ich die etwas frostige Stimmung aufzulockern, doch Heidi schwieg und rollte mit den Augen, während der Wunderbaum mit Fichtennadelduft gegen den Schilcher ankämpfte. Nach etwa 70 Kilometern warf Adelheid einen kontrollierenden Blick auf den Rücksitz… und wurde kreidebleich. Ihre linke Augenbraue zuckte unheilvoll. „Hast du die Eierschwammerln in den Kofferraum gepackt?“ In dieser Sekunde beschlich mich ein unheilvolles Gefühl in der Magengegend. Hatte ich? Ich hatte nicht.

45 Minuten später erreichten wir wieder die kleine Wald-Tankstelle, wo ich vorhin unsere mühsam gepflückten Pilze neben der Zapfsäule zwecks Autoreinigung zwischengelagert hatte. Aber da stand nur ein schwarzer Plastikeimer mit schmutzigem Wasser, von den Eierschwammerln keine Spur. In der hereinbrechenden Dämmerung grinste der weiße Halbmond hämisch vom Himmel, ein paar Grillen stimmten sich auf ihr Abendkonzert ein. „Diese Schweine!“ rief ich und trat gegen den Wassereimer. „Diebe! Schurkenpack!“

Nach über 450 Kilometern im Auto und fünf Stunden Fußmarsch durch den Wald, saß ich mit Adelheid gegen Mitternacht auf unserer heimatlichen Terrasse. Wir naschten von den gekauften Waldbeeren. „Und morgen machen wir Kürbissuppe!“ rief ich eine Spur zu fröhlich. Heidis Tränen glitzerten im Mondlicht silbern.

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10 Kommentare zu “Früchte des Zorns”

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