Cerny kommt!

Ich saß in meinem Büro, kaute an einem 3H-Bleistift und versuchte den Eindruck zu erwecken, geschäftliche Entscheidungen von großer Tragweite auszubrüten. In Wahrheit überlegte ich, Heidis silbern gerahmtes Foto auf meinem Schreibtisch auszutauschen – meine damals frisch Angetraute (in gepunktetem Strandkleid und mit Dauerwelle) bei unserer Hochzeitsreise in Rimini 1987 gegen die aktuelle Heidi 2016. Quasi Frau Moser 2.0.

Mitten in mein Grübeln platzte Direktor Erwin Pfotenhauer, an seiner Seite ein junger Schnösel mit rötlichem Kinnbart, schwarzem Rolli und kariertem Sportsakko. „Moser, das ist Dr. Cerny! Frisch von der Wirtschaftsuni, Betriebswirtschaftslehre“, polterte mein Chef und legte dem studierten Herrn seine behaarte Pranke jovial auf die Schulter. „Er wird Ihre Abteilung verstärken. Ein bisschen junges Blut kann nicht schaden, oder?!“ zwinkerte mir Pfotenhauer verschwörerisch zu. Das junge Blut schien offensichtlich unter eklatanter Sehschwäche zu leiden, denn seine Brillengläser waren dick wie Panzerglas, hinter denen die blauen Augen grotesk vergrößert waren. Ich nahm militärische Haltung an und dienerte: „Jawoll Herr Magister, Herr Direktor!“ „Nun gut Moser“, verabschiedete sich Pfotenhauer. „Dann beschnuppern Sie sich mal, ich muss zur Vorstandssitzung!“ Und weg war er.

Ein Neuer in meiner Abteilung? Was zum Henker führte mein durchtriebener Chef im Schilde? Wollte er mich etwa ausbooten, mich durch einen jungen Herrn Doktor von der Uni ersetzen? Mir wurde flau im Magen und ich hatte absolut keine Lust, an Cerny zu schnuppern. Cernys Augen schwammen wie exotische Zierfische in einem Aquarium nervös hin und her. Mit bebender Unterlippe murmelte ich „Entschuldigung“ und verschwand Richtung Toilette. Dort schloss ich mich in einer Kabine ein und schickte kreidebleich meiner Heidi per Whats App die Nachricht Cerny ist da. Er sägt an meinem Sessel!

Postwendend antwortete sie: Das trifft sich gut! Frag den Tischler, ob er für den Garten einen kleinen Geräteschuppen zimmern würde. Und was es kostet! Bussi A. M.

Ich denke, das Rimini-Dauerwellenfoto tut es noch eine Weile.

Foto: Kostümpalast.de

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4 Kommentare zu „Cerny kommt!“

  1. Cerny kommt! Aber er kommt wenigstens, die Bedrohung ist sichtbar, auch wenn sie selber schlecht sieht,sie kann bekämpft werden durch entsprechende Maßnahmen des langjährigen Mitarbeiters.

    Viel schlimmer wäre eine Ankündigung eines Dr. Cerny zur Erhöhung der Effektivität in der Abteilung, ohne das er tatsächlich auftaucht, oder einem vorgestellt wird. Einem Geist kann man bekanntlich nur sehr schwer entgegentreten!

    Gefällt 1 Person

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