Flohmarkt

In der Wiener Innenstadt, im wunderschönen Innenhof des Erzbischöflichen Palais, lockte am verwichenen Wochenende ein Flohmarkt zugunsten notleidender Kinder massenhaft Schnäppchenjäger, Sammler, Bummler und Neugierige an. Meine liebe Adelheid meinte, es sei an der Zeit, endlich mal wieder unsere beschauliche Reihenhaus-Idylle zu verlassen und das karitative Spektakel live zu verfolgen. Da selbst das Wetter noch mehr dem Sommer als dem Herbst zugeneigt war, hatte ich keine überzeugenden Gegenargumente im Talon.

Wir schoben, drängten und zwängten uns also durch die Reihen der Aussteller, umspült von babylonischem Sprachgewirr, und versuchten, keine kleinen Kinder umzutreten. Als ich aber mit meiner brennenden Zigarette den roten Luftballon eines blondgelockten Mädchens mit lautem Knall zum Platzen brachte (unabsichtlich, versteht sich), kassierte ich von Frau Moser einen bohrenden Blick, der sich heißer anfühlte als die stechende Mittagssonne. Das Mädchen zeigte auf mich und rief schreiend nach seiner Mamaaaa! Wie schön wäre es jetzt, im schattigen Gastgarten eines Wirtshauses zu einem goldgelben Schnitzel ein goldgelbes Glas Bier zu schlürfen und die Beine unter dem Tisch auszustrecken! Also frug ich Heidi, ob sie denn eigentlich wüsste, woher der Flohmarkt seinen Namen hat. Sie probierte gerade ein keckes Damenhütchen aus himmelblauem Filz, betrachtete sich kritisch in ihrem Schminkspiegel und sagte: „Nein Moser, warum heißt er Flohmarkt?“

„Im Paris des 18. Jahrhunderts gab es sehr viele arme Menschen, die sich keine neue Kleidung leisten konnten“, dozierte ich. „Deshalb organisierten sie Märkte, auf denen gebrauchte Sachen zum Verkauf angeboten wurden. Gleichzeitig war es mit der Hygiene damals nicht weit her, die Kleider und die Menschen waren zu dieser Zeit meist ziemlich stark verschmutzt.“ Die reinliche Heidi wurde hellhörig. Eindringlich fuhr ich fort: „Nicht nur in den Klamotten fühlten sich daher die Flöhe pudelwohl, auch die dreckigen Leute waren leckere Wirte für das Ungeziefer.“ Bleich drückte Adelheid der Verkäuferin den Filzhut in die Hand und schüttelte den Kopf. Ich war in meinem Element: „So wechselte auf diesen Märkten der eine oder andere Floh den Besitzer. Das kann ganz schön unangenehm sein, denn Flöhe beißen Menschen und saugen ihr Blut! Aber daher kommt die ursprüngliche Bezeichnung marché aux puxes – auf Deutsch: Flohmarkt!“

So unauffällig wie möglich wischte sich Heidi ihre Hände an den Jeans ab und sagte beiläufig: „Moser, ich hab Hunger. Gehen wir etwas essen, in einem schattigen Gastgarten vielleicht?“ Ich tat, als müsse ich kurz überlegen, dann stimmte ich achselzuckend zu: „Gut, wie du willst.“

Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, weil ich vor unserem kleinen Ausflug noch Wikipedia konsultiert hatte.

Advertisements

6 Kommentare zu “Flohmarkt”

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s