Der Automatenflüsterer

Seit mir Big Boss Pfotenhauer den jungen Dr. Cerny in die Abteilung  verpflanzt hat („Ein bisschen frisches Blut kann nicht schaden, Moser!“), hege ich den schrecklichen Verdacht, dass der studierte Neuling entweder als betriebsinterner Spion unsere Effizienz auskundschaften soll, oder – noch schlimmer – als künftiger Nachfolger meiner leitenden Position herangezüchtet wird. Natürlich hat man ihm an der Wirtschaftsuni rein gar nichts über das Fischkonserven-Business beigebracht, jedoch muss ich zugeben, dass sich Cerny unauffällig, aber fleißig in die Materie einarbeitet. Seine überdimensionalen wasserblauen Augen hinter den dicken Brillengläsern sind mir noch immer ein wenig unheimlich, und auch die feine Schicht weißer Schuppen auf den Schultern seiner schwarzen Wollsakkos lässt mich schauern – doch sonst kann ich bisher nichts Nachtragendes über den Burschen sagen. Er verhält sich so unverdächtig, dass es mir höchst verdächtig ist.

Seit wenigen Wochen haben wir einen neuen Kaffeeautomaten auf der Etage, der mich in den Wahnsinn treibt, da er die Heißgetränke nach dem Zufallsprinzip ausschenkt, ohne Rücksicht auf die gedrückte Taste. Gestern machte ich eine interessante Beobachtung. Cerny tätschelte dem Automaten wie einem nervösen Gaul beruhigend die Flanke und sprach eindringlich: „Ganz ruhig, alter Junge. Ich will nur einen Mokka, heiß und schwarz, ohne Zucker. Hast du verstanden? Mokka.“ Dabei klimperte er mit einer Handvoll Kleingeld vor dem Münzeinwurf und sah dem Kasten tief in die aufgedruckten Kaffeebohnen-Augen. Dann fielen 70 Cent in den Schlitz und Sekunden später schnappte sich Cerny einen dunkelbraunen, dampfenden Plastikbecher, schnupperte daran, nahm mit spitzen Lippen einen kleinen Schluck und kehrte lächelnd in sein Büro zurück. Cerny der Automatenflüsterer?

Ich schlich mich seitlich an das mannshohe Gerät, streichelte die Seite mit der Bedienungsanleitung, und hielt ein paar Münzen vor den Einwurf wie Würfelzucker vor ein Pferdemaul. Dazu flüsterte ich: „Hallo alter Junge. Moser hier. Ich will nur einen Cappuccino mit Milchschaum. Hast du verstanden? Ka-pu-tschi-no. Bitte!“ Dann ließ ich das Geld zärtlich in den Schacht gleiten und drückte die Cappuccino-Taste.

Auf dem Weg zurück an meinen Schreibtisch drückte ich den Becher mit heißer Schokolade unserer Vorzimmerdame in die Hand und lächelte: „Hier, für Sie Frau Erna. Sie leisten gute Arbeit!“ Cerny ist mir verdächtiger denn je zuvor.

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18 Kommentare zu “Der Automatenflüsterer”

  1. Klarer Fall, eindeutig! Dieser hochmoderne Kaffeeautomat verfügt über eines dieser tollen Spracherkennungsmodule, meine Hochachtung! Hat mein neuer Fernseher übrigens auch: Ich rufe „Internet“ und schon surfe ich über Mosers Blog!
    Aber zurück zu Ihrem Firmenkaffee: Bei Capucchino und Schokolade hat er sich vertan, klingt ja sehr ähnlich, es sei ihm verziehen, meinenS nicht?

    Deshalb, Herr Moser, immer laut und deutlich sprechen. Nicht wie ihr berühmter Namensvetter, Hans Moser, Gott hab ihn selig, nuscheln. Das versteht nur ein Wiener, aber so ein Blechtrottel logischerweise net!

    Liebe Grüße
    Christian

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