Morgengrauen

Heute musste das tomatenrote Mosermobil zur alljährlich anstehenden technischen Inspektion. Ich war an diesem verregneten, nebelgrauen Morgen also auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, um meine berufliche Heimat, die Fischkonservenfabrik, zu erreichen.

Die hochmoderne, elektronische Anzeigentafel bei der Haltestelle kündigte die nächste Straßenbahn in vier Minuten an. Offenbar ticken die Uhren der Wiener Verkehrsbetriebe etwas langsamer und erst nach neun Minuten frierenden Wartens im strömenden Regen fuhr der überfüllte Niederflurzug ein. Im Wageninneren stank es nach nassem Hund, und als mir ein Schulkind seinen Sitzplatz anbot, fühlte ich mich so alt wie ich in diesem Moment wohl aussah. Fünf Stationen und einem unplanmäßigen Stopp aufgrund der Ladetätigkeit eines LKW später, wechselte ich in den Untergrund. Auf dem Weg zur U-Bahn wurde ich von einem Greenpeace-Mitarbeiter um eine Spende gebeten und eine junge verwahrloste Frau, die keinen besonders nüchternen Eindruck machte, bettelte um 1,- Euro. Ich schlug den Kragen meines Regenmantels hoch, senkte den Kopf und hastete schlechten Gewissens weiter. In der Linie U4 quälte ein unrasierter Alter die Passagiere mit Ziehharmonika-Klängen aus seiner Heimat, doch niemand ließ sich etwas anmerken. Alle starrten auf ihr Smartphone, wischten auf dem Display herum oder telefonierten in einer mir unverständlichen osteuropäischen Sprache. Ich hätte mich auch in Warschau oder Prag befinden können. Ich freute mich auf mein warmes Büro, auf Heidis heißen Kaffee aus der Thermoskanne, und sogar auf den verdächtig unverdächtigen Dr. Cerny.

Wie berichtet, verhöhnt mich unser neuer Kaffeeautomat nach Strich und Faden, sodass ich keinen müden Cent mehr auf das Kaffeeroulette setze und seit wenigen Tagen meinen eigenen Muntermacher von zu Hause mitbringe. Scheinbar ist mir dieses neue Ritual noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen, denn als ich am Schreibtisch meine schweinslederne Aktentasche öffnete, fanden sich darin lediglich meine Pausenbrote und einige geschäftliche Unterlagen. Keine Spur von meiner Thermoskanne, die wahrscheinlich von Adelheid gut befüllt noch zu Hause am Küchentisch vor sich hindampfte. An manchen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben.

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3 Kommentare zu “Morgengrauen”

  1. Zur Himmelfahrtswoche 2016 fuhr ich mit dem Rad von Passau nach Wien, Ausschlaggebend für diese Tour waren die Berichte einer Freundin aus Wien Maidling, über das Übermaß der Ausländer in dieser Stadt und die Entfremdung der Wiener in ihrem Kietz.
    Ich kann jedenfalls Deine Schilderung genau in dieser U-Bahn und an den Bahnhöfen nachvollziehen. Leider.
    Die Stadt Wien leidet enorm unter dieser Invasion.

    Was den Kaffee in der Thermosflasche betrifft, würde ich Adelheid dafür verantwortlich machen. Du musst Dich schließlich auf die Arbeit konzentrieren! *lach*

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