Conservare

Seit Tagen beflügelt mich meine grenzgeniale Idee, die Zielgruppe der Vegetarier mit fischlosen Fischkonserven zu erobern. Eine innovative Produktlinie mit Tofu-Shrimps in Kokos-Chili-Sauce oder Seitan-Heringen mit Olivenpesto würde die tierlieben Konsumentenherzen im Sturm erobern. Ich war sicher, Direktor Pfotenhauer wird mir nach meinem gelungenen Vortrag samt Powerpoint-Präsentation weinend in die Arme fallen, mich herzend an seine breite Brust drücken, und Hosianna! rufend um seinen monumentalen Schreibtisch tanzen. In meiner Vorstellung wurde ich in den Stand eines stellvertretenden Generaldirektors erhoben, und dürfte fortan meine Notdurft in den Personaltoiletten der Führungsetage entrichten. Ich sah die Umsatzzahlen steil nach oben klettern, und mein Foto die Galerie der „Mitarbeiter des Monats“ zieren. Doch es kam ganz anders.

Ich hatte meinen feinsten, von Adelheid liebevoll ausgesuchten Zwirn angelegt und mich räuspernd neben dem Laptop aufgebaut. Dann startete ich meinen Vortrag, referierte mit Feuereifer über das explodierende Marktsegment der eingefleischten Vegetarier und Veganer, sang Loblieder über pflanzliche Alternativen zu Fleisch und Fisch, streute beeindruckende Zahlen und Tortendiagramme ein, und würzte mein Jahrhundertwerk zur Auflockerung mit kleinen, witzigen Animationen. Pfotenhauer verfolgte die Präsentation mit starrem Blick und verzog keine Miene. Eben ließ ich eine Blutorange über den Bildschirm hüpfen und via Sprechblase „Auch ich bin vegetarisch!“ sagen, als das Telefon des Direktors klingelte.

„Pfotenhauer.“ Kurze Pause. „Ach, Svetlana!“ begrüßte er seine silikonverfeinerte Frau aus der schönen Slowakei. „Fein, dass du anrufst Schätzchen! Was gibt es?“ Der Magister lauschte den Ausführungen seiner besseren Hälfte, während ich nervös von einem Bein aufs andere trat. Schlechtes Timing, ganz schlechtes Timing. „Dann mach doch ein Filet Wellington, wenn es keine frischen Rinderrouladen mehr gibt!“ lachte der Big Boss in die Sprechmuschel. „Ja. Gut. Okay, Schätzchen. Bis heute Abend!“ Etwas geistesabwesend wanderte Pfotenhauers Blick wieder zu mir. „Entschuldigen Sie, Moser. Was sagten Sie? Ach ja, vegetarische Fischkonserven. Also ich glaube nicht, dass wir unseren Kunden eine solche Mogelpackung andrehen sollten. Fischloser Fisch. Tofu. Bähh. Stellen Sie sich vor, Svetlana würde mir ein Beef Wellington aus Soja und irgendwelchen Weizenschnipseln vorsetzen!“ Erwin Pfotenhauer schüttelte ungläubig lachend den Kopf. „Aber danke für den Vortrag, Moser.“

Unser Geschäft sind Konserven. Das kommt aus dem Lateinischen für conservare für behüten, bewahren. Unser Direktor hat sich das offenbar groß auf die Fahne geheftet. Konservativ hat schließlich denselben Wortursprung.

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13 Kommentare zu “Conservare”

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