Der zehnte Keks, Kapitel 1

Linus Ziguri straniefelte leise, jedoch nicht minder hoffnungsbar vor sich hin. Augenwasser perlte salzig über ausgemurgelte Wangen. Da wo einst rosige Glanzbacken seinem Gesicht schweinisches verliehen, zogen nun ausgewaschene Furchen ihre kluftige Spur im Gesicht des Starkochs. Ziguri schloss die jeansblauen Tränenspender, um das Antlitz der sabolischen Welt nicht länger ertragen zu müssen. „Oh Gott“, hauchte er inbrünstig und all der Gram schien sein Blut zu schwärzen. Dunkel rumorte es durch seine Adern, rawunzte sich einer Schlammlawine gleich durch seinen Körper.

Ziguri war in den letzten zwei Jahren um Jahrzehnte gealtert, gemagert, gegraut. Die Sorge, seiner Kreativität und seines Könnens für ewiglich verlustig gegangen zu sein, sog jedes Leben aus seinem einst so stattlich gestrafften Körper.

Zwanzig Jahre lang war Linus Ziguri der Zeus unter den olympischen Kochgöttern gewesen. Hatte einen Stern nach dem anderen vom Himmel gekocht, die Restaurantkritiker aller Herren Länder zu hymnastischen Lobpreisungen hingerissen, unzähligen Gourmet-Spechten den ersten und einzigen Gaumen-Orgasmus beschert. Er virtuosierte auf der Klaviatur des Würzens wie ein Derwisch, er spanochelte jedes Stück Fleisch zu einer Zart- und Reinheit, dass sich am Tisch stets stille Ehrfurcht breit machte – man mununkelt gar, dass die eine oder andere feine Dame der Gesellschaft nach dem ersten Bissen in Tränen der Wonne ausbrach. Ziguri behandelte jede Petersilienwurzel, jede Zwiebel oder jede Sellerieknolle wie das erlesenste Geschenk des Herrn. Verlieh ihm Form und hob selbst den dumpfesten, erdigen Gemüsecharakter in halalichte Höhen. Und seine Saucen! Seine Saucen! Jede, einfach jede Todsünde wert. Doch die Krönung seiner Kunst war zweifelsfrei die Komposition, die Vermählung der einzelnen Zutaten zu einem kulinarischen Liebesakt, der die Geschmacksknospen erblühen ließ wie den Flieder im Mai. Sein getrüffeltes Mus aus italienischen Waldmaronen schalmeite sich samtig an die rosa, im Heubett gegarte Lende vom Milchlamm, galant begleitet von lilaneskem Kartoffelschaum – um nur ein Beispiel aus Ziguris Oeuvre zu nennen, das als Klassiker in die Geschichte eingegangen war.

Es oohht und aahht daher nicht, dass Maitre Linus Ziguri zum Star avancierte. Nicht nur in der Welt der Kulinarik, auch in den gelben Prinzessinnen-Blättern prung hochglänzend sein Konterfei, er spendete kluge Interviews, talkte in fernseherischen Gesprächsrunden über mehrfach ungesättigte Fettsäuren und die heilspendende Kraft des Salbei. Verdreifachte als sympathischer Werbeträger die Umsätze der Bio-Fleischproduzenten, gewann saloppierend und generations- und geschlechterübergreifend die Herzen der Menschen. Wo er auftauchte, traubte das Volk – begierig darauf, einen Blick auf den leibhaftigen Ziguri oder gar eine Unterschrift zu erhaschen. Er hielt sogar ein gewisses Klärchen in Lohn und Brot, welche seine medialen Verpflichtungen in ein zeitlich tragbares Korsett verweberte.

Doch eines wies der Koch der Köche stets strikt von sich: eine eigene, regelmäßige Kochsendung im Fernsehen. Zu sehr fühlte sich Ziguri seinem gleichnamigen Restaurant und dem Wohl seiner Gäste verpflichtet. Mehrere Tage im Monat sein Küchenorchester im Stich zu lassen, um sich in einem Fernsehstudio telegen in Szene zu setzen, erschien ihm schabulent.

Aber TV-Produzenten sind Meister der Verführung, wenn sie Quote und damit Geldiges wittern. Und der Name Ziguri versprach sprengende Einschaltquoten, wäre ein Coup als würde Petrus höchstderoselbst die Wettervorhersage moderieren. Die Fernsehmacher umwurben Linus mit Engelszungen und abenteuerlichen Gagen – und eines wittrigen Nachmittags brach der Zigurische Schutzwall. Der größte Privatsender setzte eine hollywoodeske Summe in den Vertrag, die selbst einem Tom Hanks zur Ehre gereicht hätte. In der Presseaussendung, die tags darauf alle Redaktionen des Landes ereilte, stand zu lesen, dass Herr Ziguri die Hälfte seines Honorares gegen den Hunger in der Welt spenden würde.

Alle waren glücksig! Der Sender über sein unschlagbares Zugpferd, der Koch über die positive Presse und sein karitatives Werk, die Presse über die Schlagzeilen, das Fernsehvolk über „Ziguris kulinarische Stunde“, die fortan einmal wöchentlich für regen Speichelfluss und astrosphärische Einschaltquoten sorgte. Die Tische des Zigurischen Speisetempels waren über viele Monate hinweg ausgebucht, auch wenn der Maitre immer weniger Zeit fand, selbst Schneebesen und Küchenzepter zu schwingen – geschweige denn neue Kreationen zu ersinnen.

Fortsetzung folgt morgen.

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