Der zehnte Keks, Kapitel 2

Die Misere begann mit einem gewissen Rudolph Rustighausen, seines Zeichens anonymer Testesser und Kritikus beim „Amuse Gueule“ – jenem bibelhaft verehrten Standardwerk, das alljährlich die Gastroszene mit Sternen lohnte und struf. Als Linus Ziguri ein Exemplar der neuesten Auflage in seinen begnadeten Händen hielt, war er sicher, den lang ersehnten zehnten Keks erkocht zu haben. Die kleinen Sternchen mit rotem Rand, welche der Verlag zur Bewertung der kulinarischen Leistungen heranzog, wurden im Fachjargon der Küchenmeister ob ihrer weihnachtsbäckerlichen Anmutung „Kekse“ genannt. Aber noch kein Restaurant hatte es in der 30-jährigen Geschichte des „Amuse Gueule“ geschafft, den strengen und geschulten Gaumen der anonymen Kritiker den zehnten Stern zu entlocken. Und man war sich unter den Granden der Kochkunst auch sicher, dass diese höchste Auszeichnung wohl auch niemals vergeben würde. Allein schon, um einen Anreiz für weitere Spitzenleistungen zu bieten. Doch Linus Ziguri – am Klimax seines Ruhmes angekommen – verspürte diesmal ein besonderes Schrawunzeln in der Nasenspitze. Wenn sich jemand den zehnten Keks auf die Küchenfahne heften durfte, dann er. Hastig blätterte er ans Ende des Wälzers, wo sich dem Alphabet  geschuldet das Restaurant „Ziguri“ fand.

Der Namensgeber erblich. Denn dort, wo die erwarteten zehn Sterne – oder mindestens die bisherigen neun – prangen sollten, grinsten ihm hämisch magere acht Kekse entgegen. „Sind die völlig irre!!!!??“ schrie Ziguri das Buch an und wechselte die Gesichtsfarbe von totenbleich auf rhabarberrot. „Wollen die mich ruinieren??!!!“ witterte der Starkoch gar geheime Machenschaften der allgegenwärtigen Neidgenossenschaft. „Meister Ziguri, Meister Ziguri – was ist passiert?“ eilte sogleich sein Sous Chef mit sorgenwolkiger Miene herbei.  „Da sehen Sie selbst!“ knallte ihm der degradierte Meister den „Amuse Gueule“ vor den saucengesprenkelten Kochlatz.

„Ich kam an einem lauen Abend im Mai mit leerem Magen, aber voller Erwartungen in das vielgepriesene Ziguri“, schrub Kritiker Rustighausen. „Doch am Ende des – übrigens hoffnungslos überteuerten – 4-Gang-Menüs blieb leider nur ein schaler Beigeschmack. Keimt doch der Verdacht auf, dass dem gefeierten Maitre seine Fernsehkarriere mittlerweilen mehr am Herzen liegt als der Bauch seiner Gäste. Uninspiriert der „Dialog von Schnecke und Schnepfe“, die „Honig-Karottenschaumsuppe mit Calvados-Sahne“ erwies sich als pures Mittelmaß, und das Perlhuhnbrüstchen hatte den Lardomantel dringend nötig, war es doch bei gutem Willen höchstens lauwarm. Lediglich die Patisserie vermochte mit einer Vanille-Mandel-Panna Cotta an Erdbeer-Chili-Chutney halbwegs zu überzeugen. Wir raten dem Kapitän des einstigen Flaggschiffs der europäischen Gastronomie, sich seiner wahren Stärken zu besinnen, ein wenig von seiner Mediengeilheit abzulegen und mehr Zeit in die Entwicklung neuer, überraschender Kreationen zu investieren. Dann klappt es im nächsten Jahr vielleicht auch wieder mit dem neunten Stern.“

Selbst der robuste Sous Chef musste angesichts dieser harschen Kritik tief Luft holen, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Jovial umkränzte er Linus Ziguri mit seiner Rechten und tröstete: „Aber das ist doch kein Weltuntergang! Nobody is perfect. Nächstes Jahr holen wir uns den verdammten neunten Keks wieder.“ Doch der entthronte Kochkaiser schenkte ihm nur einen stummen, trübseligen Blick und entschwand wortlos der Küche. Umgehend rief er sein Anwaltsbüro Paraffel, Kolb & Schinkenhorst an, um die Möglichkeiten einer einstweiligen Verfügung gegen „Amuse Gueule“ zu erfragen. Dort verwies man mit aller gebotenen Höflichkeit auf die gen Null tendierenden Erfolgsaussichten einer Klage, sowie auf die hohe Aussicht auf negative Presse und Publicity. Ein beleidigter, weil sterneberaubter Koch sollte Größe zeigen.

Wenn wir uns an den Anfang der Geschichte zurückerinnern, ging es mit dem einst so Gefeierten im Verlauf der nächsten zwei Jahre immer mehr bergab. Zu tief saß die Kränkung, mehr und mehr verfiel Ziguri der Schwermut. Innerlich blockiert, von Versagensängsten geplagt, gelangen ihm keine weltbewegenden Kreationen mehr. Obwohl er seinen Fernsehvertrag nicht mehr verlängerte und er nächtelang in der Küche an neuen Gerichten herumbaldowerte, blieb ihm im darauffolgenden Jahr die Rückeroberung des neunten Kekses verwehrt. Natürlich zählte sein Restaurant noch immer zu den Top-Adressen, aber wer einmal Papst war, will kein Kardinal mehr sein.

Zu allem Überdruss stand in wenigen Monaten der Wettbewerb des „Club des Maitres d´Or“ auf dem Programm: im 5-Jahres-Rhythmus traten die Besten der Besten an, um mit ihren neuesten Schöpfungen eine Hochkarat-Jury zu überzeugen. Seine Chance, in den Kocholymp zurückzukehren und es der Welt noch einmal zu beweisen! Nicht auszudenken, wenn er hier versagte. Doch er hatte nicht den Hauch einer Idee, womit er die Geschmacksknospen der kulinarischen Scharfrichter verzücken sollte. Und so kam es, dass Linus Ziguri leise straniefelnd in seinem Wohnzimmer saß, das holzige Kreuz in der Ecke anstarrte und beim Allmächtigen Hilfe und göttliche Eingabe erflehte. Sei es, dass er immer ein gläubiger Mensch gewesen war; sei es, dass er die Hälfte seiner Fernsehgagen im Kampf gegen den Hunger in der Welt eingesetzt hatte – er wurde erhört. Die Offenbarung kam via Television.

Ein seltsam anmutendes Tier, gefleckt wie ein Leopard, sonst aber eher an ein dickes Reh mit zu kurzen Beinen erinnernd, schlich durchs Bildschirm-Unterholz. Dazu informierte eine sonore und wahrscheinlich ausgebildete Sprecher-Stimme: „Der kirgisische Lazirbel ist vom Aussterben bedroht. Der scheue Waldbewohner, der nur in Kirgisistan beheimatet ist, wurde aufgrund seines unvergleichlich wohlschmeckenden Fleisches von Wilderern fast ausgerottet. Wie Naturschützer von Animal Watch nun berichten, hat sich bei der wahrscheinlich letzten verbliebenen Lazirbel-Familie kürzlich der lang erhoffte Nachwuchs eingestellt…“

Und Linus, gebürtiger Kirgise, entschwobte sofort in seine frühen Kindertage, strudelte zurück an den knisterknaster befeuerten Herd seines Großmütterchens, wo an seltenen hohen Feiertagen ein Lazirbelbraten seinen betörenden Duft verströmte. Über dunkle Kanäle und dubiose Tauschgeschäfte gelangte dann und wann eine Keule oder ein Rückenstück in Familienbesitz, wurde mit allerlei Kräutern und geheimnisvollen Essenzen massiert und mariniert, um schließlich mit Gemüsen und gestampften Kartoffeln auf dem Tisch zu landen. Ziguri speichelte ein, versetzte seine Kiefer in Mahlbewegung und versuchte, den verschollenen Lazirbelgeschmack auf die Zunge zu holen. In dieser Sekunde wusste der verzwufelte Maitre, dass der Lazirbel der höchste Gaumengenuss war, der ihm je widerfahren war – und er mit dieser lukullischen Rarität den Wettbewerb gewinnen würde.

Nachdem das schmackhafte Tier unter strengstem Naturschutz stand, musste er sein Gericht natürlich tarnen, unter falschem Etikett kredenzen. Kurz darauf hatte Ziguri auch schon die Idee: Die Gemsfarbige Gebirgsziege würde auf seiner Menükarte die Rolle des Fleischspenders einnehmen – den orgiastischen Geschmack und die mürbe Zartheit würde er bei Nachfrage mit geheimen Kräutermischungen, exotischen Gewürzen und einer neu entwickelten Garmethode begründen. Und sich ansonsten in Schweigen hüllen. Der Koch feuerte und flammte, sprudelte über vor Ideen. Mit der göttlichen Infusion kehrte sein kreatives Genie zurück.

Fortsetzung folgt morgen.

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7 Kommentare zu „Der zehnte Keks, Kapitel 2“

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