Der zehnte Keks, Kapitel 3

Wie sollte Linus Ziguri an ein solch geflecktes Lazirbel kommen, um seine Konkurrenten beim Wettbewerb aus dem Kochfeld zu schlagen? Die Lösung konnte nur Vasili heissen: Sein alter Freund aus frühpubertären Jugendzeiten, mit dem er so manchen Nachmittag durch die kirgisischen Wälder geschwurbelt war, und der von seinem Vater die hohe Kunst der Lazirbeljagd erlernt hatte. Zudem verfügte dieser über ausgezeichnete Kontakte zu fleischverarbeitenden Exportbetrieben. Auch wenn der Kontakt zu Vasili in den Jahren des Ruhmes etwas abgeflaut war, wusste Ziguri, dass er auf die Hilfe seines Kumpanen zählen konnte.

Als der schnauzbärtige Kirgise die Stimme seines berühmten Freundes Linus kurz darauf am Telefon vernahm, gab es kein Halten. Man schwulg und bud in langsam verblassenden Erinnerungen, versicherte sich der gegenseitigen und immerwährenden Freundschaft, ehe der Koch sein lebenswichtiges Anliegen über den Fernsprecher schickte: „Vasili höre – der Wettstreit des Club des Maitres d´Or steht an. Und ich muss gewinnen, sonst bin ich ruiniert und mein Ruf ist endgültig passé. Also werde ich einen Lazirbel bereiten. Wie du selbst am besten weißt, der Genuss der Genüsse. Lade deine Flinte, geh auf die Pirsch und erlege mir das vor ein paar Wochen geborene Jungferkel. Lass es gut abhängen, belonze mir Filet und Keulen, vakuumiere luftdicht und schicke es mir über deine geheimen Kanäle – gemeinsam mit einer Ladung von Bratenstücken der Gemsfarbigen Gebirgsziege – bis spätestens 23. September ins Restaurant. Es soll dein Schaden nicht sein.“ Vasili, sofort an der Ehre gepackt, verbat sich jegliche Entlohnung und versprach pünktliche Lieferung.

Der Wettstreit der Koch-Elite geriet für Linus Ziguri zum kolossalen Triumph. Sein „Zweierlei von der Gemsfarbigen Bergziege auf Quitten-Traminergelee mit Gewürzbrioche und sautierten Waldpilzen“ sei der Gipfel des kulinarischen Genusses, ein noch nie dagewesenes Geschmacksfeuerwerk, urteilten die Preisrichter und vergaben in allen Kategorien (Geschmack, Komposition, Präsentation) die Höchstpunktezahl. Die Jury-Präsidenten Lofer und Schwabeck sprachen in ihrer Laudatio vom „Comeback des Jahres“, Ziguri tränte bei der Übergabe der „Goldenen Kochmütze“, stummelte vor Rührung und stammelte ergriffene Dankesworte. Das Preisgeld von 50.000,- Euro spendete der Phönix aus der Asche der Naturschutzorganisation Animal Watch.

Als die minutenlange Applausflut schließlich verebbte, die ersten Hände wieder nach ihren Champagnergläsern tasteten, ergriff Ziguri noch einmal Mikrofon und Gelegenheit, um den verdutzten Gästen zu eröffnen: „Ich habe in der sogenannten Haute Cuisine nun alles erreicht – sieht man mal vom zehnten Keks im Amuse Gueule ab“, und sah dabei mit einem versöhnlichen Lächeln in Richtung eines gewissen Rudolph Rustighausen, den er im Gekrüngel der anwesenden Pressemeute erspäht hatte. „Und habe daher am Höhepunkt meiner Karriere beschlossen, die Sterne dort zu belassen, wo sie hingehören – am Himmel. Am heutigen Tage verkündige ich meinen Rückzug aus der Sternegastronomie.“ Aufgeregte Murmelei zerpflückte die eben noch herrschende Stille. „Ich kehre zurück zu meinen Wurzeln, in meine alte Heimat Kirgisistan. Dort werde ich ein kleines Gasthaus eröffnen – und bodenständige Gerichte für einfache, ehrliche Menschen kochen. Menschen, die kein Safranschäumchen, keine Perigord-Trüffel oder Gänseblümchen am Teller brauchen, um glücklich zu sein. Darin sehe ich nun meine Berufung und mein Glück. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

14 Monate waren seit der denkwürdigen Ansprache vergangen. Der Sternendekorierte hatte seine Ankündigung – die von Kollegen und Presse wohlwollend bis verständnisvoll nickend goutiert wurde – wahrgemacht. Die Lichter im Restaurant „Ziguri“ verloschen, sein Patron stieg hinab von den hohen Koch-Wipfeln in dünner Luft, zurück zu den Wurzeln in fetter, kirgisischer Erde. Seine kleine Schenke, die knapp 30 Gästen Raum zum Schmausen bot, lag ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt Bischkek und trug den schlichten Namen „Z“. Natürlich eilte dem berühmtesten Sohn des Landes sein Ruhm voraus, das Lokal war mittags und abends zum Bersten voll.

Das Leben war in Linus Ziguri zurückgekehrt, sogar seine Backen fanden zu schweinischer Form zurück. So saß er eines Abends illuminiert von Hochprozentigem mit Vasili in der kaminbefeuerten Stube und feierte den Lauf der Dinge. Doch mitten in der strawusigsten Kipplaune überzogen dunkle Sorgenwolken die heitere Miene des Heimkehrers. „Was ist dir, Linus?“ frug der alte Freund. Und plötzlich brach es aus dem Meistermund hervor: „Vasili, ist dir eigentlich bewusst, dass ich Schuld trage am Aussterben des wundervollen, einzigartigen Lazirbels? Aus schnöder, verwerflicher Eitelkeit habe ich dieses Geschöpf Gottes vom Angesicht der Erde getilgt!! Es war zwar nicht mein Finger am Abzug, doch ich gab dir, unsere Freundschaft missbrauchend, den Auftrag zum Todesschuss auf das letzte Ferkelchen….“ Ziguri kippte sich noch einen Wodka in den Schlund, der einem seltsamen Kreislauf folgend fast augenblicklich über die Tränendrüsen wiederkehrte. Vasili sah seinen alten Kumpan mit todtraurigem Blick an. Da lief der knorrige Kirgisenschädel puterrot an und es gab kein Halten mehr. Vasili wieherte, palunzte, schrie und grölte vor Lachen, schlug mit derber Faust auf den Holztisch, dass die Gläser Kasatschok tanzten. Und schickte zur Feier des Tages noch einen schnapsgeschwängerten Bauernfurz hinterher, der selbst die Flammen im Kamin angstvoll flackern ließ. Mit Tränen, die unterschiedlicheren Ursprungs gar nicht sein konnten, saßen die beiden Männer einander gegenüber. „Ich weiß nicht, was daran so lustig ist“, murmelte Ziguri.

Langsam beruhigte sich auch Vasili, zupfte sein rotkariertes Taschentuch aus der speckigen Hose und trompetete einen ordentlichen „Louis Armstrong“ (wie er seinen Rotz liebevoll nannte) in den Stoff. Satchmo verschwand in der Hosentasche und Vasili ergriff die zigurische Hand. „Linus, Linus. Ich kenne dich seit Kindertagen, ich weiß wie du tickst. Aber wenn ich eines ganz sicher weiß, dann ist es die Tatsache, dass du der weltbeste Koch bist. Du hattest nur das Vertrauen verloren, das Vertrauen in dein Können und in deine Kreativität. Lazirbel hin oder her, ich musste dir nur den Glauben wieder schenken. Ich bin für dich auf die Pirsch gegangen, ja. Aber ich töte doch nicht den Nachwuchs der letzten Lazirbelfamilie, selbst für dich nicht! Also erlegte ich das Zicklein einer Gemsfarbigen Bergziege und schickte dir das Fleisch, ohne Kommentar. Den Rest hast du ganz allein geschafft. Der Glaube versetzt Berge.“ Ziguri stand für gefühlte 30 Sekunden der Mund offen. Dann sprang er auf, herzte seinen Freund und drückte ihm einen nassen Schmatz auf die grau gestoppelte Wange. „Du Arschloch du“, krächzte er ergriffen.

Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang, lagen die zwei Männer verkatert im kniehohen Gras und ließen sich vom Morgentau beflecken. Sie hielten sich Ferngläser vor die müden Augen und waren sehr still. Fast zeitgleich mit den ersten Sonnenstrahlen wurde ihr Harren belohnt. Das Unterholz knackte, ein leises Schnauben war zu hören…. und plötzlich stand Familie Lazirbel auf der Lichtung. Das Junge mit den braunen Kulleraugen bockte übermütig durchs Gras, die Eltern hoben vorsichtig witternd ihre Schnauzen in die Luft. „Der Kleine soll Vasili heißen“, flüsterte Linus Ziguri. Vasili quiekte.

ENDE

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14 Kommentare zu “Der zehnte Keks, Kapitel 3”

  1. Ja, der Placebo-Effekt hilft manchmal Berge zu versetzen.

    Schöne Geschichte, ich persönlich hätte mir vielleicht ein anderes Ende gewünscht, irgendwie böser und sinister,mit dunklem Abgang!

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  2. Also, ich bin froh, dass die Geschichte für alle so glimpflich ausgegangen ist, vor allem für den Leoparden. Auch wenn man dem Sternekoch doch eigentlich eine Bestrafung wünschen würde – mir steht gerade so sehr der Sinn nach Friede-Freude-Eierkuchen, dass ich dem Autor für das gute Ende und die ablenkende Geschichte überhaupt danke 😉

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      1. Ja, richtig. Bei Kirgisien denke ich immer sofort an Schneeleoparden, die sind da nämlich wirklich extrem selten. Kennst Du das Buch von Aitmatow … Ich komme gerade nicht auf den Titel … Über den Schneeleoparden? Es ist schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe, fand es damals aber gut.

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