Im Kürbiskoma

Dass ich bereits erste Schritte auf dem Weg der Rekonvaleszenz machen kann, verdanke ich nicht zuletzt der hingebungsvollen Pflege meiner lieben Adelheid. Sie beweist nicht nur bei der Flora unserer Gartenoase einen grünen Daumen, auch beim Aufpäppeln des kranken Mosers ist sie einsame Spitze.

„Ich mach jetzt ein paar Besorgungen“, erläuterte Heidi gestern am  Vormittag, schüttelte mir dabei das Kissen auf, hob abwechselnd meinen linken und rechten Arm und sprühte mir ein extra starkes Deodorant mit dem Duft reifer Nadelhölzer in die Achselhöhlen. „Du schläfst ein bisschen, und wenn du aufwachst gibt es ein feines Kürbiscremesüppchen!“ versprach Adelheid, zupfte ihre orange-braune Küchenschürze zurecht und warf mir ein Kusshändchen zu. Ich lächelte, warf zurück und schloss die Augen.

Ich hatte tief und fest geschlafen, war noch heillos in die Irrungen und Wirrungen seltsamer Träume verstrickt, als ich eine liebliche Frauenstimme vernahm: „Aufwachen Moser! Die Suppe ist fertig… mit Kürbiskernöl! Mmmmmhhhh!“ Ach Heidi, du liebreizendes, obsorgendes Geschöpf! Wohlig streckte ich meine Glieder unter der Decke und öffnete langsam, in Vorfreude auf das cremige Kürbissupperl meine verschlafenen Augen. Was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Heidi stand mit ihrer herbstlichen Schürze, die plötzlich ziemlich knapp wirkte, an meinem Bett, hielt ein Tablett mit dampfender Suppe in Händen, und lächelte mich an. Doch was war geschehen?? Ihr Haar war weiß und kurz geschnitten, anstatt dunkelbraun und lang; ihre paar kleinen Fältchen hatten unerwartet Zuwachs bekommen; und wie durch Zauberhand hatte sie einige Kleidergrößen mehr auf den Rippen. Oh mein Gott! Langsam dämmerte mir die ganze grausame Wahrheit: Ich bin 20 oder 30 Jahre im Koma gelegen und Heidi ist inzwischen über 70!

Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. „Haben wir schon einen Bundespräsidenten? Oder wird von der FPÖ noch immer alles angefochten? Waren diesmal die Kugelschreiber in der Wahlzelle mit Zaubertinte gefüllt und alle Kreuzchen sind verschwunden?“ frug ich in Richtung der vermeintlichen Heidi. „Was ist mir dir Moser? Hast du noch Fieber und fantasierst? Natürlich haben wir noch keinen Präsidenten, die Wahlwiederholung ist doch auch verschoben, die FPÖ… die Kuverts… der Klebstoff…“ sah mich die alte Adelheid mit großen Augen an. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

Wie sich später herausstellte, war ich nicht 30 Jahre im Koma gelegen. Frau Moser hatte nämlich ihre Mama, meine Schwiegermutter Inge, gebeten, ihre berühmte Kürbissuppe zu kochen und ein Auge auf mich zu haben, während ich schlief und sie ihre Besorgungen erledigte. In Erwartung der Tochter projizierte ich beim Aufwachen in die Mutter das Kind, sah in Inge meine Heidi und kam mit den Jahreszahlen gänzlich durcheinander. Ob in 30 Jahren unsere Autos fliegen werden und die Menschheit den Mars kolonialisiert? So ein Koma wäre ja interessant gewesen, quasi ein kleiner Blick in die Zukunft. Trotzdem war mir Schwiegermutter Inges delikate Kürbissuppe irgendwie lieber.

Advertisements

14 Kommentare zu „Im Kürbiskoma“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s