Palatschinken

Als geborenem, gelerntem und patriotischem Österreicher bereitet es mir nicht nur Seelenqualen, sondern beinahe schon körperliche Pein, wenn unsere bundesdeutschen Nachbarn grob fahrlässig gegen die kulinarischen Grundgebote unseres Landes verstoßen. Immer wieder muss ich deutsche Touristen aus dem hohen Norden beobachten, die ihr knusprig goldbraun gebackenes Wiener Schnitzel mit Jägersauce, Schinken-Käse-Rahmsauce oder anderen Peinlichkeiten aus dem Bereich „Tunke“ zukleistern. Eine derartige Entweihung des rot-weiß-roten Heiligtums ist ein Frevel, den ich als Gastronomie-Minister mit sofortigem Einreiseverbot belegen würde.

Ein ebenso häufiger wie fataler Fehltritt ist die falsche Betonung meiner heißgeliebten Palatschinken. Sobald die Rede auf dieses filigrane, herrlich flaumige Gewebe aus Mehl, Ei und Milch kommt, neigt der Deutsche dazu, es wie ein geräuchertes Schweinebein auszusprechen. Liebe Nachbarn: Es heißt DIE Pala-tschinke, und nicht DER Palat-schinken. Es gibt in Österreich keine Region Palat, wo grunzige Schweinchen ihre Haxen zur Schinkenherstellung spenden. Aber dieses Übel lässt sich scheinbar nicht ausrotten, trotz Internet, Aufklärung und Dutzender täglicher Kochsendungen. Selbst die meisten Maitres und Küchenchefs hochdekorierter Sternehäuser plappern im Fernsehen vor Millionenpublikum ungeniert vom Palat-schinken.

Heute Nachmittag verfolgte ich, rekonvaleszent und dezent vor mich hin hüstelnd, die „Küchenschlacht“ im öffentlich-rechtlichen ZDF. Am Ende der Sendung betrat Meisterkoch C. R. stolz wie ein Matador die Arena, um die Gerichte der Hobbykoch-Kandidaten zu verkosten und einen Sieger zu ermitteln. Und es kam, wie es kommen musste. Aus dem Mund des Profis fiel der Satz: „Der Palat-Schinken ist lecker, ich hätte mir etwas mehr Blaubeeren gewünscht.“ Ich heulte auf wie ein angeschossener Wolf und verbiss mich in das bestickte Sofa-Zierkissen. Wenn ich mir Kochsendungen ansehe, hat meine geliebte Heidi aus Sicherheitsgründen stets Bereitschaftsdienst. Sogleich eilte sie herbei, löste meinen Kiefer aus dem Schaumstoff, tupfte mir den Schaum vom Mund und brachte mich in die stabile Seitenlage. „Wird das denn niemals aufhören??!!“ winselte ich. „Liest meine Beschwerdebriefe eigentlich niemand bei den Fernsehanstalten?“

Offenbar nicht, darum sei es Ihnen liebe deutsche Leser ins Kochbuch geschrieben: Aus dem Lateinischen placenta (Kuchen, Mutterkuchen) entstanden im Rumänischen das Wort placinta und im Ungarischen palacsinta, woraus sich schließlich im Lauf der Zeit die österreichische Palatschinke entwickelte. Also denkt beim nächsten Mal an Kuchen und nicht an Schinken, wenn euch diese Köstlichkeit kredenzt wird.

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32 Kommentare zu “Palatschinken”

  1. Auch von mir meinen herzlichen Dank für die Aufklärung. Ich glaubte zwar nicht an grunzende Palast-Tierchen, dachte aber ganz unbedarft, dass irgendein Österreicher die runde Pfannkuchenform auf eine Scheibe Kochschinken oder so übertragen hätte. Soviel zur Privat-Etymologie. Bleibt mir nur zu hoffen, dass dieser emotionale Angriff sich nicht negativ auf die Genesung des werten Herrn Moser auswirkt. Wir sind lernfähig. Versprochen. Wird nur noch wenige Jahrzehnte dauern …

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  2. Danke für deinen Beitrag. Warum schaust du dir das an.
    Gute Österreichische Küche bzw. Hausmannskost ist das Wahre.
    Meine Frau hat im Laufe ihrer Hausfrauenkarriere von nunmehr schon
    ungefähr 40 Jahren wohl tausende davon gebacken,ohne Schinken.
    Ob mit hausgemachter Marmelade,Topfenfülle oder als Frittaten in die
    Rindsuppe.
    Kauf dir Kochzeitungen aus Deutschland,dann weißt du wo unser Zuhause ist. LG. aus Südsteiermark Alois.

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  3. Was denkst du, wieviel hier in der Schweiz falsch ausgesprochen wird?! Nach 25 Jahren hier im Land wurde mein Sprachschatz erweitert. Und so manch einer hat das mit dem Chiemsee auch nicht im Griff. Hauptsache die Pfannekuchen sind fein!

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  4. Bin in meiner Passauer Zeit immer extra für die Palatschinken über die Grenze gefahren (und fürs Tanken, versteht sich). Bis jetzt wurd ich noch nicht ob meiner schwammigen Aussprache verwiesen. Und jetzt muss ich erstmal mit dem Hamburger Singsang klarkommen. Werd ab jetzt aber immer, wenn ich Palatschinke hör, brav an Mutterkuchen denken… Mhm lecker…

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