Rotkäppchen

Walter Weinwurm sorgt in unserer beschaulichen Reihenhaus-Siedlung für Ruhe, Zucht und Ordnung. Ohne mit einem offiziellen Amt betraut zu sein, ist es dem Polizisten im Ruhestand offenbar ein inneres Bedürfnis, sich freiwillig um die Aufrechterhaltung und Einhaltung aller geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze innerhalb der Wohnanlage zu kümmern. Weinwurm, der sich vor seiner Polizeikarriere einen knallharten Ruf als Ausbilder beim österreichischen Bundesheer erworben hatte (so melden zumindest die Buschtrommeln der Reihenhäusler), patrouliert federnden Schrittes mehrmals täglich durch die Siedlung, um nach dem Rechten zu sehen. Falsch abgestellte Fahrräder und unsachgemäß entsorgter Müll werden in alter Blockwart-Manier fotografiert und dokumentiert, zu laut spielende Kinder ruft er mittels schriller Trillerpfeife zur Ordnung und auch die peinlich genaue Sauberkeit der Gehwege ist ihm ein Anliegen. Dabei ist der Ex-Soldat und Ex-Polizist stets militärisch adjustiert, trägt eine grau-braun-grün gefleckte Fantasieuniform, um den Hals ein Fernglas und auf dem kahl geschorenen Kopf eine rote Baseball-Kappe. Ohne diese Schirmmütze ist der knorrige Weinwurm praktisch nie anzutreffen, sie ist an ihm festgewachsen wie das rote Käppi auf Niki Laudas Rennfahrer-Schädel. Frau Moser und ich nennen ihn daher familienintern deswegen gerne auch Rotkäppchen.

Gestern früh schlenderte ich mit Adelheid durch die Wohnsiedlung Richtung Parkplatz, um Schwiegermutter Inge einen samstägigen Besuch abzustatten und etwas Apfelkuchen und Wein vorbeizubringen.  Als wir, friedlich in ein Gespräch über den sonnigen Herbstmorgen vertieft, um die Ecke bogen, stand plötzlich Weinwurm vor uns. Das Rotkäppchen trug seinen traditionellen Tarnanzug und hatte einen monströsen Laubsauger geschultert. Er sah aus wie ein apokalyptischer Krieger mit Flammenwerfer aus einem Vietnam-Film von Francis Ford Coppola, nur die schwarze Rußbemalung der US-Marines unter den Augen fehlte. Als uns Weinwurm sichtete, richtete er den Laubsauger auf uns und bellte scharf: „Morgen!“. „Halt, wer da?!“ hätte irgendwie besser gepasst. Heidi und ich grüßten artig zurück, und Rotkäppchen antwortete zackig: „Scheiß Laub!“ In Ermangelung einer passenden Replik wünschte Heidi „Gute Entlaubung!“ und ich schob ein „Kopf- und Blattschuss!“ hinterher.

Beim Auto angekommen, brachen wir in kopfschüttelndes, prustendes Gelächter aus. „Der Typ hat sie doch nicht alle!“ keuchte Adelheid und wischte sich ein Tränchen von der herbstlich geröteten Backe. Ich gab ihr recht und ergänzte: „Weinwurm ist Rotkäppchen und böser Wolf in Personalunion.“

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