Cernys Chutney

Als ich am Montagmorgen nach langer schwerer Krankheit in die Fischkonservenfabrik zurückkehrte, schwante mir Übles. Und ich sollte recht behalten. Der verdächtig unverdächtige Dr. Cerny hatte seinen Schreibtisch mit allerlei kindischem Halloween-Kram dekoriert. Auf seinem Computermonitor klebten die „gruselig“ geschnitzte Fratze eines orangefarbenen Kürbis´ und ein Gespenst, das aussah wie aus einem Kinderbuch von Ottfried Preußler entsprungen. Und neben einem Stapel schwarzer Aktendeckel ritt eine kleine Hexe auf einem Strohbesen. Lächerlich. Wie konnte sich ein studierter Herr Wirtschaftsdoktor zu solchem Unfug hinreißen lassen?

„Guten Morgen Herr Moser“, grinste mich Cerny übertrieben freundlich an und wischte sich eine Handvoll Schuppen von den Schultern seines schwarzen Sakkos. „Wieder gesund?“ Ich nickte und kramte die Thermoskanne mit Heidis Kaffee aus meiner Aktentasche. „Haben Sie schon gehört? Ich war in Ihrer Abwesenheit ein wenig kreativ und habe Magister Pfotenhauer ein herbstliches Highlight für unsere Konservenkollektion vorgeschlagen: Heringfilets in süß-saurem Kürbis-Chutney. Er war sofort begeistert, heute geht meine neue Kreation in den Handel.“ Ich verspürte einen heißen Schmerz in meinem Schritt, als hätte mir jemand in die Eier getreten. Es war jedoch kein Tritt ins Skrotum, sondern der heiße Kaffee, der sich über meine schicke graue Anzughose ergoss. Meine fischlose Produktlinie für Vegetarier hatte Pfotenhauer abgelehnt, aber Cernys platte Kürbisidee aufs Podest gehoben?! „Chutney??“ würgte ich hervor und kämpfte mit den Tränen, da sich der duftende Fleck zwischen den Beinen siedend heiß anfühlte.

Cerny schnappte sich einen feuchten Lappen aus dem Spülbecken, kniete sich vor mich hin und begann, das koffeinhaltige Missgeschick wegzurubbeln. „Das haben wir gleich!“ kicherte er und zwinkerte mir mit einem Riesenauge durch seine panzerdicken Brillengläser zu. „Cerny!!!“ rief ich entsetzt. „Wir sind doch Kollegen und könnten eigentlich Du sagen“, antwortete der blöde Arschkriecher und rubbelte was das Zeug hielt. „Ich bin der Jonas. Servus!“

Ich presste ein „Servus. Moser.“ zwischen den Lippen hervor, wimmelte die fummelnden Hände von Cerny ab und schwor mir, das nächste Mal auch mit 40° Fieber nicht länger als drei Tage meinem Schreibtisch fernzubleiben.  Der wird mich kennenlernen, dieser… dieser…. Jonas.

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5 Kommentare zu “Cernys Chutney”

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