Süßes ODER Saures

 

junior_frankenstein

Seit das orange-schwarze Schreckensfest Halloween in der Nacht vor den Totengedenkfeiern Allerheiligen und Allerseelen auch in unseren Breiten die Kassen der Süßwarenindustrie, Kürbisfabrikanten und Kostümverleiher klingeln lässt, fliehen Frau Moser und ich vor diesen Tagen und Nächten, die der Hauch des Todes umweht, in die nahe Ferne eines umliegenden Bundeslandes. Meist schlürfen wir in einem Wellness-Resort vitaminreiche Fruchtcocktails und lassen uns von fachkundigen Händen Kapuzenmuskel und Untergrätenmuskel durchkneten, auch heiße Steine und schwarzes Moor sind dann und wann im Spiel. In diesem Jahr kam alles anders: Cheforganisatorin Adelheid war spät dran und fand im Netz kein Angebot, das zeitlich, räumlich und preislich unseren Vorstellungen entsprach, sodass wir kurzerhand beschlossen, erstmals daheim zu bleiben und uns den kleinen Gespenster-Bettlern auszuliefern.

Bei Einbruch der Dämmerung kehrten wir schwer beladen aus dem Supermarkt heim, wo diesmal sogar die Verkäuferinnen an der Wursttheke violette Umhänge und schwarze, spitze Hexenhüte trugen. Der Plan der Lebensmittelstrategen ist aufgegangen, und wir kauften bei „Es bedient Sie: Frau Radovan“ 150 Gramm Kürbiskernschinken zusätzlich. Die voll bepackten Einkaufstaschen standen noch im Vorzimmer, ich wollte Heidi und mir zum Aufwärmen gerade einen Café Latte bereiten, als es an der Tür klingelte. Ich rechnete eigentlich noch gar nicht mit Halloween-Besuch, öffnete arg- und wehrlos, und wurde in derselben Sekunde mit einem dreifachen „Süßes oder Saures!!“ beschallt. Da ich mich zum ersten Mal in dieser Situation befand, wurde ich ein wenig unsicher. Was tun? Singen die geschminkten Dreikäsehoche erst ein Liedchen, tragen sie ein Gedicht vor? Was? Um Zeit zu gewinnen, fragte ich einen etwa 10jährigen Knirps, wen er in seinem Kostüm darstellt. „Frankenstein“, antwortete der Junge, hinter dessen bleicher Schminke Thomas Rübenkorff von Haus Nr. 39 durchschimmerte. Ich klärte den jungen Herrn Thomas auf, dass es sich wohl nicht um den Arzt Viktor Frankenstein handelt, vielmehr um das von ihm aus Leichenteilen geschaffene Monster. Ein mir nicht näher bekanntes dunkelhaariges Mädchen, das sich mit runder Brille und aufgemalter Blitz-Narbe auf Harry Potter getrimmt hatte, heulte kurz auf und versteckte sich hinter dem Dritten im Bunde – einem kleinen Hollywood-Dracula mit Plastikzähnen, weißem Hemd und schwarzer Fliege. Der hielt mir schüchtern einen orangefarbenen Plastikeimer hin und lispelte erneut: „Süßes oder Saures!“. „Weißt du eigentlich, dass Dracula wirklich gelebt hat und auf die historische Figur des Vlad Tepes, genannt der Pfähler, zurückgeht?“ wandte ich mich an den zwölfjährigen Blutsauger, der verdächtig nach Max Kornhäusl aussah. Ehe ich über die blutigen Gräueltaten von Vlad Tepes en detail berichten konnte, traf mich Heidis spitzer Herbststiefel wuchtig im Gesäß. „Moser, es reicht!“ streifte mich der Hauch des Todes diesmal im Nacken.

Widerstandslos griff ich in unseren Einkaufskorb, händigte Graf Dracula ein gelbes Netz mit vier Zitronen aus; Harry Potter erhielt ein Fläschchen Balsamico-Essig und das Frankenstein-Monster Thomas bedachte ich mit einer Tüte saurer Drops. Dann wünschte ich den Kindern noch ein fröhliches Halloween und schloss die Tür.

Adelheid stellte mir die rhetorische Frage, ob ich noch bei Trost sei. „Was meinst du?“, antwortete ich. „Die Kinder haben ausdrücklich um Süßes ODER Saures gebeten. Ich nehme an, Süßes bekommen sie ohnehin genug.“ Heidi setzte sich an den PC und begann die Herbstangebote der Wellness-Hotels für 2017 zu studieren.

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11 Kommentare zu “Süßes ODER Saures”

  1. Wir im Brandenburger Land haben ja heute Feiertag, was die Lehrer im Vergleich zu den Berliner Lehrern mit einem weiteren Ferientag belohnt bekommen.
    Ich als Katholikin habe ja morgen einen Feiertag, leider keinen gesetzlichen, aber bei meinen Dauerferien spielt das nun ja keine Geige mehr.
    Mit Halloween haben Herr und Frau Anna-Lena nun gar nichts am Hut und so stellen wir kurzerhand an diesem Tag die Klingel ab. Dann erschrecken wir uns nicht, die Hunde können ungestört ihr Nickerchen machen und der Spuk geht an uns vorüber 🙂 .

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