Wie im Schlaf

15 Minuten nach meinem ersten, etwas unbeholfenen Auftritt als Halloween-Onkel rief der Vater des kleinen Harry-Potter-Mädchens an. Warum ich den Kindern Horrorgeschichten von Leichenteilen erzähle und warum ich seiner Tochter zu Halloween eine Flasche Essig schenke, wollte er wissen. Ob ich einer dieser kranken Irren sei, die kleine Mädchen vergiften. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und stammelte etwas Frankensteins Monster und der Wahlmöglichkeit zwischen Süß oder Sauer. Zum Glück flatterte Heidi als rettender Engel heran, nahm mir den Hörer aus der Hand und machte dem aufgebrachten Potter-Daddy weis, ich sei ihr schwachsinniger Bruder, der auf Besuch war und unbemerkt an die Tür gehuscht sei. Man möge höflichst entschuldigen. Damit konnte Adelheid das Schlimmste abwenden, aber sie übernahm für den Rest des Abends den Pförtnerdienst. Sobald es läutete, öffnete sie, tat überrascht und angesichts der kindisch-gruseligen Kostüme auch erschrocken, stopfte den kleinen Rackern Mini-Twix-Riegel, Gummibärchen und Manner Schnitten in die offenen Beute-Taschen, und entließ sie winkend in die stockschwarze Nacht. Schließlich war auch dieser Spuk vorüber und ich machte es mir mit Heidi auf dem Sofa bequem. Wir nuckelten am ersten Punsch des Jahres und knabberten im Schein einer Halloween-Kerze etwas zu harte Biokekse mit Haferflocken-Schoko-Geschmack. Dann schlug Heidi vor, ich möge ihr doch ein paar wohlige Schauer über den Rücken jagen und ihr eine Gruselgeschichte erzählen. Also erzählte ich ihr die leider wahre Geschichte von Susi Möltner.

Mit 14 oder 15 Jahren war ich in das schönste Mädchen unserer Klasse total verschossen. Sie hatte nicht nur zwei pechschwarze, knüppelharte Zöpfe und einen schneewittchengleichen Kirschmund, sondern war überdies von überirdischer Begabung. Susi Möltner bediente die Geige wie ein Wunderkind und parlierte Französisch als wäre sie in Saint Tropez zur Welt gekommen und nicht in Stammersdorf. Der einzige Haken an der Sache war, dass mich dieses Geschöpf völlig ignorierte. Eines Tages belauschte ich in der Pause ein Gespräch mit ihrer Freundin Trudi. Susi erzählte, dass sie nachts im Schlaf Französisch-Sprachkurs-Kassetten anhörte, da man sich laut neuesten tiefenpsychologischen Erkenntnissen diese unbewusst aufgenommenen Informationen besonders gut merke. Also stahl ich die Französisch-Kassetten („Le francais – c´est facile“) unbemerkt aus ihrem Schulspind, und sprach zwischen den einzelnen Lektionen folgende Botschaft aufs Band: „Der Moser ist ein süßer Junge, alle anderen sind mir wurscht. Ich werde es mit ihm probieren.“ Ein paar Tage später sprach mich Göttin Susi auf dem Schulhof an: „Moser, ich träume jetzt oft von dir. Du isst  immer ein Wurschtbrot.“ Heidi fand es tatsächlich befremdlich bis gruselig, dass ich mich zuerst in den Spind und dann in den Kopf fremder Mädchen einschlich.  „Was wurde aus Susi Möltner?“ frug sie. „Sie ist Vegetarierin, Fremdsprachenkorrespondentin, gerichtlich beeidete Dolmetscherin für Französisch, und übersetzt die Bestseller von Delphine de Vigan ins Deutsche. Ich habe außer den paar Sätzen am Schulhof nie wieder mit ihr gesprochen.“ Heidi biss nachdenklich in einen der Bio-Bröselkekse.

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4 Kommentare zu „Wie im Schlaf“

    1. Ach, auch als Erwachsener kann man gar nicht zu viel Phantasie. haben.

      Und da habe ich auch schon eine neue Geschäftsidee für den phantastischen Herrn Moser. Seine Stimme scheint ja wahre Wunder zu verbringen – da sollte er sich unter die Podcast-Macher mischen und uns ein paar schöne Sätze einsprechen, die wir des Nachts abspielen können – ich esse nie wieder Schokolade; ich treibe jeden Tag Sport; ich habe dichtes Haar und reine weiche Haut; ich schaffe alles was ich will; ich bin ein phantasievoller Mensch. Na, wär das was? 😉

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