Männerfreundschaft

Wie jeden ersten Mittwoch im Monat saß ich gestern Abend mit meinem Kumpel Gerald in unserer Stammkneipe, dem „Hauptprostamt“. Es ist eine liebgewordene Tradition unter alten Freunden, immerhin kennen wir uns seit fast 20 Jahren und Freundschaften muss man pflegen. Außerdem gönne ich meiner lieben Adelheid gerne mal einen Moser-freien Abend, an dem sie ungestört ihre Zehennägel lackieren, stundenlang mit ihren Freundinnen telefonieren und durch die diversen Homeshopping-Kanäle zappen kann.

Seit 1,5 Liter Bier saß ich mit Gerald an „unserem“ Ecktisch. Geredet hatten wir eigentlich nicht viel, außer vielleicht „Und? Sonst so?“ oder „Trinkst du auch noch eines mit?“ und „Ganz schön voll heute, da ist was los.“ Ansonsten tranken wir Bier und schwiegen. Es war ein richtig schöner Abend. Ein Männerabend, ganz zwanglos. Aber plötzlich, quasi aus dem Nichts, zerstörte Gerald diese Idylle. Er sagte den schlimmen Satz, der jede vor allem auf gemeinsames Schweigen begründete Männerfreundschaft zerstören kann: „Moser, ich hab ein Problem.“

Ich dachte, was jeder echte Freund in einer solchen Situation denken würde: Drei große Bier rechtfertigen einen sofortigen Besuch der Toilette, wo ich durch das offene Fenster in die Freiheit flüchten kann. „Merk dir, was du sagen wolltest. Ich muss nur schnell aufs Klo. Und ich nehme meine Jacke mit, weil dort zieht es immer so durch das offene Fenster“, trat ich die Offensive an. Leider durchschaute Gerald meinen Plan, was nach fast 20 Jahren inniger Männerfreundschaft auch kein Wunder ist. Man kennt sich halt. „Vergiss es, ich hab vorhin deinen Wohnungsschlüssel aus der Jackentasche genommen. Du kommst erst hier raus, wenn du mir zugehört hast“, konterte mein Kumpel. Es war ihm also ernst und somit war klar, dass es um seine Frau Renate geht. Die beiden haben immer irgendein Problem. Entweder sie können sich nicht über das nächste Urlaubsziel einigen oder Gerald verdächtigt sie der Untreue, weil sie letzten Samstag nicht den Beischlaf mit ihm pflegen wollte. Irgend so etwas in dieser Art, jedenfalls völlig unpassend für einen idyllischen, schweigsamen Männerabend. Ich erwischte den vorbeihuschenden Kellner an seinem roten Schürzenzipfel und bestellte noch zwei Bier. Und zwei doppelte Himbeergeist. Nach ein paar Runden dieser durchblutungsfördernden Kombination hatte sich Gerald ausgeheult, während ich mich innerlich mit neuen Strategien beschäftigte, um den Emporkömmling Cerny in die Schranken zu weisen. Im übrigen ergebnislos. Jetzt lallte Gerald: „Und, Moser? Was meinst du? Kann ich Renate noch glauben?“ Ich kniff ein Auge zusammen, um meinen Blick zu schärfen und sagte den bedeutungsschwangeren, tiefsinnigen Satz: „Jeder muss an etwas glauben!“ Gerald schwieg einen Moment, dann meinte er: „Ja. Ich glaube, ich nehme noch ein Bier. Du zahlst.“ Er ergriff meine Hand, blickte mich aus wässrigen, geröteten Augen an und stammelte ergriffen: „Moser, du bist halt ein echter Freund. Es geht nichts über eine wahre Männerfreundschaft!“  Schweigend tranken wir unser letztes Bier.

Heute (3. November) ist übrigens Weltmännertag.

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6 Kommentare zu „Männerfreundschaft“

  1. Hey Sugarbaby und Herr Moser,
    wir Männer müssen ja zusammenhalten, solange wir das Bier noch stemmen können. Ich trinke mein Bier übrigens am liebsten an der Theke. Ein Getränk, das Freundschaften verbindet, von Mönchen erfunden.
    Aber ich hab noch was für Sugarbaby:
    Einen Mann, der nicht älter wird und immer noch auf Tour ist. Also bewegt euch!!
    LG nach Austria

    Gefällt 1 Person

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