Im Wunderbaumwald

Heidi sah mich streng an. „Moser, du siehst nicht gut aus. So blass, direkt kränklich. Du musst mal raus, in die Natur, damit du ein bisschen Farbe kriegst!“ Wenn es um mein Wohl geht, kennt die liebe Adelheid kein Erbarmen. „Lass uns ins Grüne fahren, den goldenen Herbst genießen, Erholung wird dir gut tun!“ Nun wissen meine treuen Stammleser, dass der Busen der Natur nicht zu meiner Wohlfühlzone gehört und ich stöhnte: „Ohhh, brrrrr, Heidi, ich weiß nicht. Eigentlich bin ich zu kaputt für diese ganze Erholerei! Das macht doch auch viel Arbeit, das wird mir schnell zu viel….“ „Nein, du musst raus in den Wald, die Natur wird Balsam für deine Seele sein.“ „Ich kann aber nicht, hab total viel zu tun“, versuchte ich den Angriff auf meine Bequemlichkeit zu parieren. „Ich muss die Wand im Arbeitszimmer anstarren und überlegen, in welcher Farbe ich die mal streiche, damit meine Modellauto-Sammlung richtig zur Geltung kommt! Das wird eine schwierige Entscheidung. Du siehst: Keine Chance, der Tag ist voll!“ „Vergiss es Moser, heute ist Ausflug! Und freu dich gefälligst darauf, das wird schön.“

Als wir im Wald ankamen, waren die Bäume schon alle da. Ich fuhr tief in einen Feldweg hinein, wir stiegen aus dem tomatenroten Flitzer und ich sagte zu Heidi: „Ah schau da, ein Baum, schön, schön. Und da noch einer, und noch einer – schon toll, was sie hier hingestellt hat, die Natur. Super gemacht, da kann man nix sagen. Tip top. Bäume, jaaaa….“ Ich sah mich anerkennend um und tätschelte einer Eiche die Rinde. Dann  pumpte ich meine Lungen voll mit guter Waldluft, streckte meinen Daumen als Zeichen der Zustimmung in die Höhe und sagte: „Mannmann, das ist eine Luft!  Riecht zwar nicht ganz so schön nach Wald wie unser Wunderbaum im Auto, aber immerhin….“ Ich machte also gute Miene zum bösen Spiel, damit wenigstens meine liebe Frau ihre Freude hat. Heidi schien mir meine Natur-Begeisterung jedoch nicht ganz abzunehmen, rollte mir den Augen und seufzte.

Wir wateten durch knietiefes Laub immer tiefer in den Wald, sahen ein Eichhörnchen, vier Vögel im grauen Federkleid, zwei Käfer und ein paar Dutzend Ameisen. Von Rehen nur Gerüchte. Nach zehn Minuten wurde mir langweilig und ich quängelte: „Wenn man einen Baum gesehen hat, kennt man sie alle! Ich bin müde.“ Doch Heidis Bewegungs- und Frischlufthunger war noch nicht gestillt. Sie setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm, drückte mir ein Salamibrot in Alufolie in die Hand und schärfte mir ein, mich auf keinen Fall von der Stelle zu rühren. Sie würde noch ein wenig spazieren und mich in einer Stunde abholen, dann ginge es nach Hause zu Tee mit Rum und Zwetschgenkuchen.

Nach ein paar Bissen vom Wurstbrot schlief ich ein. Ich träumte von blutrünstigen Vampir-Eichhörnchen, wildschweingroßen Giftameisen und einem Wald aus Wunderbäumen, die nach Salami dufteten. Ich wurde wach, als mir Heidi den tropfenden Speichel vom Kinn wischte. Meine rotgefrorene Nase und die tauben Ohren werden sich wieder erholen, versicherte mir meine fürsorgliche, stets um mein Wohl besorgte Frau.

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8 Kommentare zu „Im Wunderbaumwald“

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