Brain Travel, Part I

Herr Moser badet in Schweiß. Morgen steht der gefürchtete Zahnarzt-Termin an und der Patient mit Dentalphobie ist starr und stumm vor Angst. Ich nütze die kleine Pause, um Ihnen zwischendurch wieder eine kleine Kurzgeschichte aus meiner Feder zu präsentieren. Hier versuche ich mich erstmals im Science-Fiction-Genre, die Story serviere ich in zwei, hoffentlich mundgerechten Happen. Morgen folgt Part II.

Alle Tests sind absolviert. Gesundheits-Check mit Belastungs-EKG, CT, MRT, Blutuntersuchung, Röntgen und weiß der Geier. Ein halbes Dutzend Intelligenz- und Psychotests am Computer. Seitenweise Fragebögen. Ein knapp zweistündiges Gespräch mit einem Psychologen. Leon Hauser hat keine Ahnung, wie er dabei abgeschnitten hat. Er sitzt in einem fensterlosen Raum, der in ein angenehm warmes Licht getaucht ist, ohne dass irgendwelche Lampen oder Beleuchtungskörper zu erkennen wären. Aus unsichtbaren Lautsprechern dringt unaufdringliche Klaviermusik. An der Wand ihm gegenüber prangt in violetten Lettern das Logo von „Brain Travel Inc.“, wobei die beiden „a“ im Namen durch ein skizziertes menschliches Gehirn dargestellt werden. Rechts von ihm zwei Türen, die mit den Ziffern 1 und 2 gekennzeichnet sind. Ansonsten ist der Raum, bis auf seinen bequemen Ledersessel und ein kleines Metalltischchen, leer. Seine Handflächen schwitzen.

Das Klavier verstummt und eine weibliche Stimme mit dunklem Timbre ertönt: „Herr Leon Hauser, bitte in Office One.“ Er zuckt kurz zusammen, dann steht er auf und öffnet Tür 1. Dahinter ein Raum, der seinem Wartezimmer sehr ähnlich ist. In der Wand links von ihm ist allerdings ein riesiger Flachbildschirm eingelassen und soll wohl so eine Art Fenster simulieren. Auf dem Screen sieht man einen kleinen Hafen, Fischkutter laufen aus und legen an. Einen Augenblick lässt er sich von dem bunten Treiben in gestochen scharfen Bildern ablenken, dann blickt er wieder nach vorne. Hinter einem Schreibtisch, der wie ein silbriges Riesen-Ei aussieht, thront ein groß gewachsener, schlanker Mann in einem schwarzen Anzug, der je nach Bewegung und Lichteinfall in blau, dunkelrot, grün, violett oder gelblich schimmert.

„Kommen Sie näher, mein Lieber!“ Die Stimme klingt freundlich und einladend, hat aber gleichzeitig jenen Unterton, der keinen Widerspruch duldet. Hauser gehorcht, kann sich aber nicht des Eindrucks erwehren, dass er gerade Mittelpunkt einer Fernsehshow mit versteckter Kamera ist. Schon bei der Anzeige in der Tageszeitung hätte er stutzig werden müssen: „Innovativer, international tätiger Technologiekonzern sucht Probanden m/w für Testreihen auf dem Gebiet der Biometrie. Wenn Sie zwischen 25 und 40 Jahren alt sind, gesund, abenteuerlustig und neugierig, freuen wir uns auf Ihre Bewerbung. Angemessene Aufwandsentschädigung.“ Leon ist Student und kann ein kleines Zusatzeinkommen gut gebrauchen. Und nun ist er hier, in dieser absurden, utopischen Location und hat keine Ahnung, was auf ihn zukommt.

Der Mann hinter dem Schreibtisch reicht ihm eine warme, angenehm trockene Hand, und stellt sich als Dr. Frederic Vogt vor. „Nehmen Sie Platz, mein Lieber.“ Sein Anzug hat nun einen leicht violetten Glanz. Leon schluckt, er ist plötzlich extrem durstig. Vogt mustert ihn kurz, dann berührt er eine kleine Taste auf dem Panel vor sich – und mit einem leisen Zischen öffnet sich ein Fach in dem silbrigen Ei. In der nächsten Sekunde steht eine Flasche eiskaltes Mineralwasser vor ihm. „Bedienen Sie sich“, sagt Vogt und reicht ihm eines der fünf Gläser, die auf einem silbernen Tablett neben ihm stehen. „Mein lieber Hauser, lassen Sie uns doch gleich zur Sache kommen.“ Vogt klappt eine schwarze, ledergebundene Mappe auf. „Sie haben bei unseren Eignungstests mit Abstand am besten abgeschnitten.“ Der Student will so etwas wie „Danke“ sagen, doch sein Gegenüber lässt keine Zweifel aufkommen, wer hier das Gespräch führt. „Sie erfüllen alle Voraussetzungen für unsere Versuchsreihe. Die medizinischen Daten sind 1A, ihr IQ beträgt 128, ihre emphatischen, sozialen und emotionalen Fähigkeiten wurden als einwandfrei beurteilt. Und – Sie sind alleinstehend. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Sie sind unser Mann. Aber jetzt wollen Sie sicher wissen, worum es eigentlich geht.“

Hauser nickt. Wenn die so viel Aufwand mit den ganzen Tests betreiben, muss ja etwas ganz Besonderes dahinter stecken. „Wie Sie wissen, hat unsere gute alte Mutter Erde derzeit mit einigen gravierenden Problemen zu kämpfen. Ich sage nur: Klimawandel, globale Erwärmung, Co2-Ausstoss, Rohstoffknappheit, ökologischer Fußabdruck. Denken Sie jetzt zum Beispiel an den internationalen Flugverkehr“, sagt Vogt beinahe verschwörerisch und schaut den potenziellen Probanden aus stahlgrauen Augen an. Dabei drückt er wieder auf das Panel und geräuschlos fährt ein flacher Monitor aus der Oberfläche des Schreibtisches. Ein sanfter Wisch über die Steuereinheit und der Bildschirm dreht sich zu Leon. Flugzeuge, Turbinen, Grafiken, Diagramme und Statistiken untermalen nun die Worte des Direktors von „Brain Travel“ während er fortfährt: „Allein während der Start- und Landephase verbrennt eine Boeing 747 in wenigen Minuten rund 5 Tonnen Kerosin. Im konstanten Reiseflug beträgt der Verbrauch 16 Tonnen pro Stunde. Dabei werden 50 Tonnen Co2 pro Flugstunde emittiert. Laut Berichten anerkannter Experten ist keine Form der Mobilität klimaschädlicher als das Fliegen.“

„Was will mir dieser Kerl eigentlich sagen?“ denkt Hauser und nippt am Mineralwasser. „Bedenken Sie nun, dass allein in Deutschland über drei Millionen Flüge pro Jahr abgewickelt werden – das sind mehr als doppelt so viele wie noch 1989. Rechnen Sie nun alle Faktoren auf weitere zwanzig Jahre hoch, auf weltweiter Ebene versteht sich. Was denken Sie, ist die Konsequenz daraus?“ Ehe sich Leon eine Antwort zurecht legen kann, setzt der undurchsichtige Vogt seinen Vortrag fort. „Nun mein lieber Hauser, ich werde es Ihnen sagen. Bis zum Jahr 2050 werden etwa 25 Prozent der Welterdölproduktion von Flugzeugen verbraucht, die uns dem Klimakollaps unweigerlich näherbringen. Und wer sitzt in diesen Fliegern? Eine halbe Milliarde Touristen, die von A nach B reisen, um sich die Pyramiden anzusehen oder sich an der türkischen Riviera den Bauch rösten zu lassen. Das enorme Verkehrsaufkommen in der Luft führt schon heute zu stundenlangen Verspätungen, dazu Streiks, Bombendrohungen, Vulkanausbrüche. Die Passagiere sind genervt, der Flug in den Urlaub wird zur Zerreißprobe. Und wer auf das Auto ausweicht hat es nicht viel besser – kilometerlange Staus auf den Autobahnen, Hitze, quengelnde Kinder auf dem Rücksitz, und die Schadstoff-Emissionen sind ebenfalls gigantisch.“ Dr. Frederic Vogt beugt sich nach vor, sein Anzug schillert dunkelblau. Hauser hält die Luft an. „Was, mein lieber Freund, was wäre die Lösung? Was wäre das beste für unser Klima, für unsere schmelzenden Erdölvorräte und Polkappen?“ Kunstpause. „Die Lösung liegt auf der Hand: Wir verreisen, ohne unsere Heimat zu verlassen. Wir generieren lebensechte Urlaubserlebnisse mit dem mächtigsten Instrument, das wir kennen – unserem Gehirn.“ Die Kinnlade von Leon Hauser klappt nach unten, Vogt lächelt.

In den nächsten 90 Minuten fühlt sich Leon wie im falschen Film, schielt wieder nach versteckten Kameras, denn was dieser Dr. Vogt in sachlichem, aber doch leidenschaftlichem Ton vorträgt, erscheint ihm völlig abgehoben, um nicht zu sagen irre. „Wir arbeiten seit vielen Jahren mit den besten internationalen Gehirnforschern, Neurologen, Computertechnikern und sonstigen Experten an der Umsetzung dieser revolutionären Idee. Das Projekt steckt natürlich noch in den Kinderschuhen, wir haben aber bereits entscheidende Fortschritte erzielt“, berichtet der Direktor, dessen Alter für Leon nur schwer einzuschätzen ist. Er könnte um die 40 sein, aber ebenso gut schon 60. „Sie werden verstehen, mein lieber Hauser, dass ich Sie aus Gründen der Geheimhaltung nicht in technische Einzelheiten einweihen kann. Nur soviel: Es ist uns gelungen, gewisse Hirnareale, die für Erinnerung, Fantasie, Emotionen et cetera et cetera zuständig sind, zu stimulieren. Dazu pflanzen wir, natürlich temporär, einen Mikrochip unter die Haut im Nackenbereich. Parallel injizieren wir eine Substanz, die aus bestimmten menschlichen Hormonen, also quasi biochemischen Botenstoffen, und diversen natürlichen Wirkstoffen wie Tetrahydrocannabinol besteht. Der Rest ist ein bisschen technischer Schnickschnack – et voilá: Bon voyage! Können Sie mir soweit folgen?“ Leon nickt. Sein Herz klopft bis zum Hals.

„Gut. Wir treten derzeit in eine neue Phase unserer Testreihen ein. Bisher war es uns nicht möglich, die Erlebnisse der Probanden zu steuern. Das Gehirn machte, einfach ausgedrückt, was es wollte. Das gezielte Auswählen einer Urlaubsdestination war mehr als schwierig. Es konnte also vorkommen, dass die Testperson anstatt auf einer Karibikinsel an der Ostsee landete, weil sie da vor zwei Jahren ihre letzten Ferien verbracht hat. Durch eine neue Methode der Suggestion hoffen wir jetzt, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Auch bei der Intensität des Erlebten haben wir gewaltige Fortschritte erzielt. Noch vor wenigen Monaten beschrieben die Menschen ihren kleinen virtuellen Ausflug wie einen sehr intensiven Traum. Bei den letzten Tests konnten die Probanden kaum noch zwischen tatsächlichem Urlaub und unserem Experiment unterscheiden.“ Frederic Vogt unterbricht seinen Redefluss und blickt einige Sekunden gedankenverloren ins Leere. Hauser nutzt die Chance und fragt: „Ist die Sache gefährlich?“

„Gefährlich?!“ Zum ersten Mal wirkt die Stimme, die bisher so kontrolliert und überzeugend wie bei einem Guru geklungen hatte, eine Spur zu laut. „Mein lieber Hauser, was wollen Sie? Eine Garantie, dass Ihnen nichts geschehen kann? Ha! Die gibt es nicht einmal, wenn Sie mit Air Berlin nach Ibiza fliegen oder mit dem Bus Ihre Großmutter besuchen.“ Aber sofort hat sich der Mann wieder im Griff, fährt ruhig und besonnen fort: „Ich werde Ihnen jetzt eine Frage beantworten, die ganz offensichtlich in Ihrem Gesicht steht. Wie hoch ist die angemessene Aufwandsentschädigung? Nun, ich werde Ihnen das Procedere erklären: Sie erhalten jetzt einen Vertrag, der Sie zu absolutem Stillschweigen verpflichtet und in dem Sie erklären, dass Sie im Falle des Falles keinerlei Rechtsanspruch auf irgendetwas haben. Sie absolvieren insgesamt fünf Tests in unserem Simulator BTM-V3, und zwar in fünf aufeinander folgenden Wochen. Nach den Tests stehen Sie jeweils zwei Tage für die Auswertung zur Verfügung. Danach erhalten Sie 50.000 Euro in bar. Sollten Sie die Versuchsreihe vorzeitig abbrechen, egal ob nach dem ersten oder vierten Test, ist die Kohle weg.“

Der Anzug schimmert grün, als Vogt den mehrseitigen Vertrag aus der schwarzen Ledermappe fischt und ihn Leon schwungvoll über den Schreibtisch reicht. „Sie haben jetzt 60 Minuten Zeit, um sich das Angebot zu überlegen. Lesen Sie den Vertrag genau durch, wägen Sie Für und Wider sorgfältig ab. Aber bedenken Sie, dass Sie der Wissenschaft und nicht zuletzt dem Planeten Erde einen unschätzbaren Dienst erweisen würden.“ Mit einer Handbewegung Richtung Tür ist Leon vorläufig entlassen. Er geht zurück in den Warteraum.

Fortsetzung folgt.

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7 Kommentare zu “Brain Travel, Part I”

  1. Lieber Herr Moser!
    Wenn ich so beim Arzt sitze, frage ich mich auch manchmal: „Was will mir dieser Kerl eigentlich sagen?“. Und ohne wirkliche Antwort verlasse ich die Praxis.
    Hier allerdings denke ich mir „Wie geht die Geschichte wohl weiter?“ und warte voll Spannung und erhalte mit Sicherheit eine zufriedenstellendere Antwort! 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

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  2. Sehr schön! „Total Recall,Version 3.0“. Wie geht es weiter? Sex,Gewalt,Widerstand am Badestrand,schöne Frauen, Verräter und Geheimagenten am Urlaubsort? Oder doch ganz anders?Man ahnt es schon!

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  3. Vielversprechender Einstieg. Bin gespannt wie’s weiter geht. Am Anfang habe ich ein Stück nur überflogen, weil mir der Direktor doch ein bisschen zu sehr Lexikoneintragartig belehrt. Ich hatte beim Lesen ein bisschen das Gefühl, nicht Hauser, sondern ich sollte belehrt werden. Das legt sich aber dann zum Glück wieder!

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