Brain Travel, Part II

Zwei Tage später sitzt Hauser zwei sehr sachlichen, ernst wirkenden Herren gegenüber. Auf der Brusttasche ihrer weißen Mäntel prangt das violette Logo von „Brain Travel“. „Welches Reiseziel soll es sein?“ Leon muss nicht lange überlegen: „Spanien.“ Er liebt dieses Land, die Menschen, die Landschaft, die Musik, das Essen, die Sprache. Schon als Kind hat er mit seinen Eltern Spanien mehrfach besucht. Barcelona, Madrid, Granada, Malaga, Valladolid, Saragossa. Es war für ihn auch sonnenklar, dass sein Beruf mit dem „Reino de Espana“, dem Königreich Spanien, zu tun haben muss. Darum studiert Hauser im letzten Semester Spanisch, nur weiß er noch nicht, ob er danach als Lehrer, Dolmetscher oder als Übersetzer für spanische Literatur arbeiten soll.

„Das ist machbar“, sagt der Ältere der beiden. Der Jüngere verlässt den Raum und kehrt kurz darauf mit einem kleinen Kästchen, das wie eine Art iPod aussieht, zurück. Er beginnt an diversen Gerätschaften und Computern zu hantieren. „Wir implantieren nun einen Mikrochip in Ihrem Nacken. Subkutan. Der Chip verbleibt dort während der gesamten Testreihe und wird danach wieder entfernt.“  Er nimmt ein Gerät zur Hand, das ähnlich wie eine Lackierpistole aussieht. „Keine Angst, Sie werden nur ein kleines Kitzeln spüren. Es tut nicht weh. Bitte beugen Sie den Kopf nach vorne.“ Pfffft. Vorbei. Der Mann hat nicht gelogen.

„Wie fühlen Sie sich?“ „Danke, gut.“ „Dann kann es jetzt losgehen. Bitte folgen Sie mir.“

Der BTM-V3 sieht aus wie ein etwas größeres Duplikat des Vogt´schen Schreibtisches. Ein silbriges, längliches Ei. Die obere Hälfte öffnet sich mit einem leisen, pneumatischen Zischen. Das Innere offenbart ein futuristisches Cockpit, nur ohne sichtbare Knöpfe oder Instrumente. Leon wird aufgefordert sein Hemd auszuziehen und im Simulator Platz zu nehmen. Sein Pulsschlag beschleunigt auf 160. Die Neugierde und die Aussicht auf 50.000 Euro sind aber stärker als die Angst. Er steigt ein. Zwei Männer, ebenfalls in weißen Kitteln, befestigen eine Menge Elektroden an seinem Oberkörper und am Kopf.

„Hallo mein lieber Hauser.“ Er blickt nach links oben. Der Big Boss ist gekommen, um ihm die Ehre zu erweisen. Hoffentlich nicht die letzte. „Guten Tag.“ Vogt legt ihm seine warme, trockene Hand auf die nackte Schulter, was wohl beruhigend wirken soll. „Ich bin gekommen, um Ihnen eine gute Reise zu wünschen. Seien Sie ganz ruhig. Alles wird gut verlaufen, Sie werden sehen.“ Er nickt Leon aufmunternd zu, dann ist er aus seinem Blickfeld verschwunden.

Ein Weißkittel sagt: „Bitte geben Sie mir Ihren linken Arm und ballen Sie eine Faust.“ Das ist wohl die erwähnte stimulierende Substanz, denkt er und schon bohrt sich eine spitze Nadel durch die Haut. Er zuckt. Aua! „Sie erhalten nun einen Kopfhörer und werden versuchen, sich so gut wie möglich zu entspannen. Schließen Sie die Augen. Denken Sie an Spanien, was sie dort erlebt haben und was sie alles noch sehen und erleben wollen. Atmen Sie ruhig und gleichmäßig. Ich schließe jetzt den Simulator. Wir sehen uns in etwa 20 Minuten wieder, alles Gute.“ Leon Hauser atmet tief durch, dann senkt sich der Deckel des BTM-V3. Er macht die Augen zu und hört einen leidenschaftlichen Flamenco. Bilder erwachen zum Leben. Die Sagrada Familia. Eine gusseiserne Pfanne mit herrlich duftender Paella. Der Palacio Real. Die Kathedrale Santiago de Compostela. Klappernde Kastagnetten. Andalusien. Akustische Gitarren. Schwarzhaarige Tänzerinnen, die den Takt des Flamencos rhythmisch in den Boden stampfen. Taktaktak taktaktak tak tak taktaktak…..

 Die Arena kocht. Tausende Kehlen schicken ein forderndes „Olé, olé!“ in die glühend heiße Luft des spanischen Nachmittags. Dazwischen rhythmisches Klatschen. Pakpakpak pakpakpak pak pak pakpakpak… Olé! La corrida de toros – der Stolz der traditionsbewussten Spanier, der Kampf von Mensch gegen Stier.

Leon betritt das sandbestreute Rund, seine Arena. Ein Aufschrei geht durch die aufgeheizte Menge. Unbeschreiblicher, frenetischer Jubel. Wie ein bunt bestickter Gockel schreitet er hoch erhobenen Hauptes die Arena ab und lässt sich vom Publikum feiern.  In der engen Box tritt der Stier gegen dicke Holzplanken, hämmert sich die rasende Angst mit kraftvollen Huftritten aus dem schwarz dampfenden Leib. Irgendwo unter seinen mächtigen Hörnern spürt er, dass seine letzte Stunde geschlagen hat. Doch er wird kämpfen, kämpfen wie noch nie in seinem Leben. „El Diablo“ haben sie ihn genannt, der Teufel, und er wird ihnen die Hölle auf Erden bereiten.

„Leon! Leon!“ skandiert die Menge. Er ist der Matador, der Held, und die Menschen liegen ihm zu Füßen. Sein Herz rast, doch er lässt sich nichts anmerken. Stolz wirft er den Kopf in den Nacken. Für eine Sekunde kitzelt ihn dort sein zu einem kurzen Zopf gebundenes Haar. Ein Schweißtropfen rinnt langsam und zäh von der Schläfe in den Kragen. Er sieht zu Pedro, der neben der Box von „El Diablo“ steht. Ein kurzes, kaum sichtbares Nicken und Pedro öffnet ruckartig das Gatter des Verschlags.  Der Stier rennt los, blind vor Wut, hinein in die begeisterten Schreie der spanischen Volksseele. Wie ein Berserker dreht er ein paar Runden, um seinen Feind, den Matador, aufzuspüren. Er wittert Menschen, Pferde, Schweiß, Tod. Schließlich steht er wenige Meter vor seinem vermeintlichen Henker. Hatte sich Leon in seinem rot-goldenen Kostüm noch vor einer Minute unverwundbar wie in einer magischen Rüstung gefühlt, ist er nun starr vor Angst. 700 Kilogramm Lebendgewicht stehen vor ihm, ein Paket aus Muskeln, Hörnern, Hufen und Angriffslust. Was ist bloß los mit ihm? An die vierzig dieser Biester hat er bisher, ohne mit der Wimper zu zucken, erledigt. Er will das rote Tuch, seine Muleta, hinter dem Rücken hervorholen, um es vor den Nüstern des gereizten Bullen zu schwingen. Doch der Befehl kommt nicht an. Verzweifelt sendet sein Gehirn Signale zur Bewegung, doch sein Körper reagiert nicht, ist wie gelähmt. Ein Raunen geht durch das Publikum. Vereinzelte „Leon“-Rufe, doch der ist zur Salzsäule erstarrt.

El Diablo wendet sich ab und trottet ein paar Schritte nach rechts. Zaghaft kehrt das Leben in den Körper des Stierkämpfers zurück und es gelingt ihm unter Aufbietung aller Kräfte, die Muleta zu schwingen. Dann geht alles sehr schnell. Wie eine Rakete schießt der Stier auf Leon und das rote Tuch zu. Er sieht den Koloss wie in Zeitlupe auf sich zukommen. Todesangst. Quälende, erbarmungslose Todesangst. Das Blut in seinen Adern gefriert. Und dann ist der Bulle da, nimmt ihn auf die Hörner –  und während er in hohem Bogen durch die Arena fliegt, dringen gellende Schreie von den Rängen. Benommen liegt er im Staub, spürt das vibrierende Donnern der Hufe direkt an seinem Ohr. Er hört die Rufe der Picadores und Banderilleros, die nun versuchen, den Stier von seinem Opfer abzulenken. Doch es scheint nicht zu gelingen, das Tier rast ungebremst auf ihn zu. Leon versucht sich aufzuraffen, er stolpert – und in dieser Sekunde bohrt sich ein Horn des Teufels in seinen linken Arm. Er schreit wortwörtlich wie am Spieß. Hellrotes Blut sprudelt aus seinem Arm, spritzt in leuchtenden Fontänen in den Sand.

Sein Herz rast unkontrolliert, er liegt keuchend am Boden. Wieder nimmt der Stier Anlauf. Sein schwarzes Fell schimmert im Licht der späten Nachmittagssonne seltsam dunkelrot, im nächsten Moment wieder bläulich. Leon schreit.

 Frederic Vogt sitzt an seinem futuristischen Schreibtisch und studiert die Akte Leon Hauser. Tod durch Herzversagen. Was hat der junge Mann im Simulator in den letzten Sekunden seines Lebens durchgemacht? Er war doch nicht auf den Mount Everest gereist oder in den Amazonasdschungel, sondern nur ins Urlaubsparadies Spanien. Eigentlich harmlos. Vogt schüttelt nachdenklich den Kopf und schließt die Akte. Es liegt noch viel Arbeit vor „Brain Travel“. Als Memo diktiert er in sein Smartphone: „Neue Anzeige in die Wochenendausgabe setzen.“ Seufzend lehnt er sich zurück, sein schwarzer Anzug schimmert im Licht der Nachmittagssonne seltsam dunkelrot.

 ENDE

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7 Kommentare zu „Brain Travel, Part II“

  1. Lieber Herr Moser!

    Mit solch einer Fortsetzung habe ich, ebenso wie der gute Leon, nicht gerechnet.
    Wie gut, dass meine Arztbesuche da bisher glimpflicher ausgingen. Nun ja, sonst würden Sie diese Zeilen schließlich auch aus dem Jenseits erhalten 🙂

    Sehr schön geschrieben. Die Kuh scharrt erfreut mit den Hufen! Muh ….

    Herzliche Almgrüße
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

  2. Wenn ich mich nach Spanien wünschen könnte, wäre ich bei Ferran Adria in Barcelona eingekehrt. Das „elBulli“ hat schon seit Jahren geschlossen und ist daher nur mehr subkutan erfahrbar. Dieses Lokal hat auch was mit Stieren zu tun, wie der Name schon sagt. Ein kolossaler Stierkopf in der Mitte befindet sich in der Küche dieses Avantgarde-Restaurants. Aber offenbar hat sich dieser Hauser zu wenig mit seiner Lieblings-Destination beschäftigt und bevorzugte halt ahnungsloserweise den Stierkampf.
    Er ruhe in Frieden!

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