Rabattschlacht

Heidis Atmungsorgane – also Lungen, Bronchien, Luftröhre, Nebenhöhlen und alles, was der Schöpfer sonst noch so zum Überleben eingebaut hat – wurden von der feuchtnebeligen Herbstluft angegriffen…. und überwältigt. Meine liebe Frau hustet, nein bellt wie ein bulgarischer Straßenköter im Angesicht des Hundefängers.  Also erbot ich mich nach einem Blick in die leidenden Heidi-Augen, den anstehenden Wochenendeinkauf alleine zu übernehmen. Adelheid röchelte dankbar, nannte mich „ihren Helden“, nahm einen Schluck Granatapfeltee und begann eine lange Liste zu schreiben.

Es war ein besonderer Wochenendeinkauf, denn es stand aus Gründen der Tradition die berühmte Moser´sche Martini-Ente mit Waldviertler Knödel und Rotkraut auf dem Speiseplan. Heidi legte mir ein furchteinflößendes, fünfseitiges Werk vor, das länger und professioneller wirkte als mein Konzept zur Einführung vegetarischer Fischkonserven. Dabei handelte es sich bloß um den Einkaufszettel. Ich persönlich würde ja den nächstbesten Supermarkt aufsuchen, die Liste möglichst rasch abarbeiten und nach Hause düsen. Nicht so Heidi. Das Grundkonzept ihrer Einkaufsstrategie war auf den temporär unterschiedlichen Rabatten, Wochenend-Aktionen, Sammelpunkten und Gutscheinen der diversen Lebensmittelmärkte aufgebaut. Ich verspürte ein angstvolles Magenkribbeln, als meine Haushaltsmanagerin die Vorgangsweise akribisch erläuterte. Im Supermarkt, der den Namen eines Planeten und Handelsgottes trägt, gäbe es bis inklusive 12. November 25% Preisnachlass auf Geflügel, natürlich nur unter Vorlage der entsprechenden Kundenkarte. Und Heidi hat die entsprechende Kundenkarte, nicht nur von allen Supermärkten und Diskontern dieser Stadt, ebenso von Parfümerieketten, Kaffeeröstern, Buchhändler, Papiergroßmärkten und Möbelhäusern. Dazu gesellen sich sämtliche Sammelkarten für Rabattmarken und Gutscheine sonder Zahl.

Nachdem ich den Entenvogel eingesackt habe, soll ich noch schnell in der Änderungsschneiderei Heidis geänderte Winterjacke abholen und weil es am Weg liegt, auch gleich ihr Herbstkostüm in die Reinigung bringen. Danach zum Diskonter für allerlei Kleinkram wie Mehl, Rapsöl oder Milch (nicht vergessen Punkte eintragen lassen!), weiter zu Supermarkt B., wo es an diesem Wochenende 20% Rabatt auf alle alkoholfreien Getränke gibt. Da müsse man tüchtig zuschlagen, das sagt nicht nur meine Frau, sondern auch die Hausverstand. Im Konkurrenzmarkt H., der nur 4,7 Kilometer entfernt liegt, möge ich anschließend unseren Bedarf an Brot und Gebäck decken und zwar nicht gegen Bares, sondern die angesammelten Treue-Bons in Zahlung geben. Danach nur noch ein Erkältungsbad im Drogeriemarkt (Kundenkarte!), ein paar feste und flüssige Arzneien in der Apotheke, um die verstopften Atemwege freizuschaufeln – und schon sei alles erledigt. „Ist doch kein Hexenwerk?“ versuchte mir Heidi Mut zu machen.

Sie können mir glauben: Herr Moser gab sein Bestes, um diesen irren Einkaufsslalom nach bestem Wissen und Gewissen fehlerfrei zu absolvieren und alle Rabattschikanen zu meistern. Erschöpft taumelte ich in meine letzte Anlaufstation, die Apotheke, und direkt in die Arme einer lächelnden Magistra. Ich sog die Wärme des Ladens und den beruhigenden Geruch von Menthol und Desinfektionsmitteln in mir auf. Da ich kaum noch sinnvoll zusammenhängende Worte von mir geben konnte, drückte ich der netten Apothekerin Heidis Liste in die Hand und bat um Erledigung. Wenig später reichte sie mir eine bis oben hin gefüllte Plastiktüte und verlangte 89 Euro 30. Als ich in meiner Geldbörse kramte, sagte die Verkäuferin: „Haben Sie eine Kundenkarte?“ Ich begann hysterisch zu lachen, knallte den ganzen Riesenstapel von Heidis Kundenkarten auf die Theke und kicherte: „Aber ja, Kundenkarten ohne Ende! Suchen Sie sich eine aus…“

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den Einkaufsparcours nicht fehlerfrei gemeistert habe. Als Adelheid die Einkäufe und Rechnungen kontrollierte, wurde sie plötzlich stutzig: „Du hast bei B. doch wohl nicht den Monatsrabatt eingelöst?“ Doch, hatte ich. Wenn ich an der Kasse die Worte „Rabatt“ und „einlösen“ höre, reagiere ich nach Pawlow reflexartig und mit Speichelfluss. „Das war unser ganzer Monatsrabatt!“ empörte sich Heidi. „Für diese Mini-Rechnung! Moser, wie kannst du?!“ Und so wurde meine heldenhafte, fast perfekte Einkaufstour durch einen winzigen Fehler zunichte gemacht. Ich gelobte Besserung und mehr Achtsamkeit und verabreichte Heidi die doppelte Dosis Hustensaft. Möge sie sich gesund schlafen. Möglichst bald.

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11 Kommentare zu “Rabattschlacht”

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