Im Würgegriff

Eigentlich begann der triste Büroalltag mit einem kleinen Lichtblick: In meinem Mailordner fand ich morgens Post von unserem Direktor, Mag. Erwin Pfotenhauer. Betreff: Umsätze Okt./Nov. 16. Sofort beschlich mich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und ich goss mir einen Schwall von Heidis frischem Kaffee aus der Thermoskanne in meine persönliche Tasse (Aufdruck: Ist der erste Fisch ein Barsch, ist der ganze Tag im Ar….) „Na hoffentlich ist die Mail vom Boss kein Barsch“, dachte ich und kippte den koffeinhaltigen Muntermacher auf Ex. Schwerer Fehler, denn das heiße Gebräu verbrannte mir Mund, Rachen und Zunge. Sofort signalisierte meine sensible Sensorik „Ausspucken!!!!“, doch dann kreuzte mein Blick die wachsam hinter den zentimeterdicken Brillengläsern herumschwimmenden Fischaugen von Cerny – und ich schluckte tapfer. Ich rang mir ein genüssliches Lächeln ab, nickte Cerny kollegial zu und unterdrückte den lauernden Schmerzensschrei zu einem maßvollen Gegurgel. Das war natürlich nicht der eingangs erwähnte Lichtblick, dieser folgte jetzt. Mit zittrigen Fingern klickte ich auf Pfotenhauers Mail… und schlagartig waren meine verbrannten Schleimhäute vergessen. Die neuesten Absatzzahlen zeigten nämlich, dass die vom werten Herrn Dr. Cerny initiierten Heringsfilets in Kürbis-Chutney weit hinter den erwarteten Absatzzahlen zurückblieben. Eine Pleite, ein Reinfall, ein Blindgänger, ein Flop.  Mosers dunkle Seite jubilierte, der Höhenflug des Emporkömmlings war gestoppt. „Warum grinsen Sie so, Moser?“ frug Cerny diagonal durch den Raum. „Ach nichts“, antwortete ich. „Heidis Kaffee ist heute ganz besonders aromatisch.“

Mittags packte ich die Gelegenheit beim Schopf, um meinem verdächtig unverdächtigen Kollegen eins reinzuwürgen. Ich jonglierte mein Tablett durch die Reihen der Kantine und nahm erstmals an Cernys Tisch Platz. Es gab Grammelknödel (für meine preußischen Leser: Griebenklöße) mit Sauerkraut und zum Nachtisch Mousse au chocolat. Wir kauten schweigend an unseren mit knusprigem Schweinefett gefüllten Teigbällen, ehe ich zwischen zwei Bissen meine Munition abfeuerte: „Na, Herr Dr. Cerny… Ihre tolle Idee mit dem Kürbis-Chutney war wohl nichts?! Eher ein Rohrkrepierer.“ Ich schaufelte mir einen Berg Sauerkraut auf die Gabel und setzte zum Todesstoß an: „Was haben Sie für Weihnachten geplant? Makrele in Lebkuchensoße? Sardinen in Spekulatiusmarinade?“ Das war offenbar eine Spur zu derb für Cerny, denn er begann zu husten und zu würgen. Er sprang auf und lief blau an, während seine Aquariumgläser leckten und Tränenflüssigkeit auf den Boden tropfte. Seine weit aufgerissenen Augen wirkten jetzt noch unnatürlicher als sonst und ich bekam es mit der Angst zu tun. Er hatte wohl meine Worte und ein Stück Grammelknödel in den falschen Hals bekommen, und ich eilte ihm zu Hilfe. Fieberhaft versuchte ich mich an den Heimlich-Griff aus dem Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern, jedoch vergeblich. Also versetzte ich Cerny einen kräftigen Boxhieb in den Magen in der Hoffnung, er würde den Knödel rauswürgen. Sein Bauch fühlte sich kalbfleischartig an, doch aus seinem Hals kam nichts außer Husten und Röcheln. Erst als Pfotenhauer vom Nachbartisch hinzukam und dem Unglückswurm einen kräftigen Schlag auf den Rücken verpasste, sodass eine Schuppenwolke das Dessert wie Puderzucker bestäubte, spuckte er den unzerkauten Brocken aus. Der Direktor strafte mich mit einem verächtlichen Blick, als er seinen Schützling Cerny mit beruhigenden und tröstenden Worten zur Toilette geleitete.

Ich verzichtete auf die Mousse au chocolat und kehrte an meinen Schreibtisch zurück. Cerny hatte aus meinem Sieg eine Niederlage gemacht, dieser Barsch.

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9 Kommentare zu „Im Würgegriff“

  1. Lieber Herr Moser!
    Als Kuh bin ich extrem fischunkundig und frage mich gerade, warum der ganze Tag im A… ist, wenn man zuerst einen Barsch angelt. Schmeckt der Kerl so schlecht? Oder ist es die simple linguistische Erklärung , dass „barsch“ eine negative Aussage hat … grübel grübel …. 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

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