Ballspiele

Liebe Leser, Ihr geschätzter Herr Moser ist ein Sportmuffel. Mir ist das ganze Gerenne, Gestemme und Gehopse schlicht und ergreifend zu anstrengend. Obwohl tief verwurzelter Österreicher fahre ich nicht mal Schi und das hat seinen guten Grund: Mein erster und einziger diesbezüglicher Versuch endete vor vielen Jahren mit einer offenen Tibiafraktur in einem Kitzbühler Krankenhaus. Seither verfolge ich sportliche Aktivitäten nur noch aus der sicheren Perspektive des Fernsehzuschauers.

Zu meinem Unglück begab es sich, dass Walter „Rotkäppchen“ Weinwurm, der pensionierte Polizist und hyperaktive Blockwart unserer Wohnanlage, alle bewegungsfähigen Männer der Reihenhaussiedlung zum regelmäßigen Fußballspiel motivieren wollte. In seinem Tarnanzug und dem unvermeidlichen roten Käppi stand er, auf den Fußballen wippend und mit einem Bleistift auf sein Klemmbrett klopfend, vor unserer Haustür und referierte über die Vorzüge körperlicher Ertüchtigung und Kameradschaftsgeist. Ich ging im Geiste schnell die Möglichkeiten der in Frage kommenden, glaubhaftesten Ausreden durch, als Heidi hinzukam und mir einen dicken Strich durch die Rechnung machte. „Das wäre doch was, Moser! Ein bisschen Bewegung wird dir gut tun!“, lachte meine Gattin und klopfte mir dabei auf mein kaum vorhandenes Bäuchlein. Und ehe ich meine alte Schiverletzung und berufliche Überlastung anführen konnte, strahlte Adelheid: „Abgemacht, Herr Weinwurm! Mein Moserchen ist dabei. Wann und wo?“ „Jeden Dienstag um 19:00 am Sportplatz in Kaltenbrunn. Die haben sogar Flutlicht“, salutierte Rotkäppchen und trug Moser, Haus Nr. 9 in seine ausgedruckte Excel-Tabelle ein.

Und so stand ich gestern Abend in meinen schönsten weißen Shorts bei 7° Außentemperatur frierend in Kaltenbrunn. Weinwurm, der alte Fuchs, hatte die bequeme Rolle des Trainers am Spielfeldrand übernommen. Kurz vor Anpfiff trommelte er unsere Reihenhaus-Truppe zusammen und warf mit kriegerischen Begriffen wie Angriff, Verteidigung, Abseitsfalle und Konter um sich. „Ich will Einsatz sehen, Burschen! Pressing, Räume eng machen!“ schrie er. Ich verstand kein Wort und fragte schüchtern, ob ich den Torwart geben dürfe. Das schien mir am wenigsten anstrengend und luftsparend. „Zu klein, Moser. Sie spielen Linksaußen.“

Die ersten zwei Minuten rannte ich wie angestochen den Platz rauf und runter. Zwar hatte ich in dieser Zeit noch keinen Ballkontakt, aber ich spürte genau, wie beeindruckt die Gegenspieler von meiner läuferischen Leistung waren. Ja, das hatten sie mir nicht zugetraut. Ab der dritten Spielminute verließ mich langsam die Kraft. Mein Kopf war rot wie eine überreife Tomate und trotz der Kälte war ich klitschnass geschwitzt. Ich ging erst mal in die Hocke, um neue Kraft zu sammeln. Plötzlich sah ich, wie der knallhart geschossene Ball direkt auf mich zuraste, aber ich war irgendwie viel zu fertig, um ausweichen zu können. Also blieb ich einfach regungslos hocken und erwartete gelassen mein privates Armageddon. Man kann nicht gerade sagen, dass ich den Ball mit der Nase stoppen wollte, tat es aber trotzdem. Als das Leder einschlug, kippte ich aus der Hocke der Länge nach hin und ging sofort k.o.

Minuten später kam ich wieder zu mir. Coach Weinwurm zog mein Lid nach unten und richtete eine blendende Stabtaschenlampe in mein weit aufgerissenes Auge. „Moser, hören Sie mich?!“, bellte er. „Sagen Sie mir Ihren Namen, wie heißen Sie?! Wissen Sie, was geschehen ist und wo Sie sind?“ Dicke Blutstropfen, vermengt mit ein wenig Rotz, tropften auf meine schönen, weißen Shorts und ich stammelte wahrheitsgemäß: „Mein Name ist Moser und ich will nach Hause…“ Ich versicherte meinem Team, dass ich schon klar komme, richtete mich ächzend auf und taumelte Richtung Umkleide. Dabei rannte ich noch dreimal gegen den Torpfosten.

In der Garderobe rief ich Heidi an und bat sie, mich abzuholen. Kurz darauf bugsierte sie mich kopfschüttelnd ins Auto, stopfte mir ein Papiertaschentuch unter die Nase und beschwor mich, bloß nicht die Sitze vollzubluten. „Das Thema Fußball hat sich wohl erledigt“, entschied meine liebende Gattin auf dem Heimweg. „Ja, schade“, stöhnte ich leidvoll schniefend. Mein Lächeln hinter dem blutigen Taschentuch konnte sie Gottseidank nicht sehen.

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6 Kommentare zu “Ballspiele”

  1. Nun, stellen Sie sich nicht so an! Sie, Herr Moser, wollen ein Sportmuffel sein? Das hätte ich nicht gedacht von Ihnen. Sie, der jeden Tag mit dem Cerny im Clinch liegt. Nein, Sie sind mir vielleicht einer! Sie wollen „Sport“ nur mehr aus der sicheren Entfernung vorm Narrenkastl verfolgen?

    Mens sana in corpore sano. Sind Sie nicht begeistert? Was die Alten Lateiner alles wussten, dürfte Ihnen doch nicht fremd sein.

    Auf gehts! Noch einmal. Nicht gleich schlapp machen! Kein Nasenbluten vorschützen.

    Gefällt 1 Person

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