Tatsächlich!

Vielen meiner treuen Leser mag Herr Moser kauzig, tollpatschig oder gar einfältig erscheinen, tatsächlich halte ich mich aber auch für einen germanophilen Liebhaber des gesprochenen und geschriebenen Wortes. Ich gelte als Verfechter lokaler Dialekte und beobachte mit Vergnügen und Neugier die tatsächlich oft groben Unterschiede zwischen deutschem Deutsch und österreichischem Deutsch.  Außerdem schaue ich dem gemeinen Volk genau auf die Schnauze, um neue Trends und Sprachgewohnheiten auszuforschen.

Nun meine ich, bei unseren lieben bundesdeutschen Nachbarn fündig geworden zu sein. Familie Moser empfängt via Kabel alle maßgeblichen deutschen Fernsehkanäle, sodass wir – immer dann, wenn der Mann oder die Frau von der Straße zu Wort kommen – ein Stückchen vom schwarz-rot-goldenen Alltag mitbekommen. Nicht nur bei Straßenbefragungen oder Gesprächs- und Diskussionsrunden, auch bei Kandidaten von Quiz-, Game-, Koch- und anderen Shows machte ich dabei eine interessante Entdeckung: Den immer beliebter werdenden und fast schon inflationären Gebrauch des Wörtchens tatsächlich. Vor allem die mittelmäßig gebildete Mittelschicht zwischen 20 und 40 Jahren hat dieses Adjektiv für sich entdeckt. Um die (überraschende) Antwort auf eine Frage oder einen gewissen Umstand zu verdeutlichen, quasi zu unterstreichen oder mit einem Rufzeichen zu versehen, flicht man heutzutage gerne ein tatsächlich in seinen Satz. Ganz so, als wäre die Aussage sonst unwahr oder unglaubwürdig. Einige Beispiele mögen dies, geneigte Leser, verdeutlichen:

Ein rauschebärtiger Mann mit der Anmutung eines Lederjacken-Rockers antwortet auf die Frage nach seinem Beruf: „Ich habe tatsächlich Chemie studiert.“ Die Kandidatin einer Kochsendung erläutert die Beigabe von Koriander zum pochierten Lachs mit „Ich bin tatsächlich ein großer Koriander-Fan.“ Hinz lebt tatsächlich in einem Örtchen namens „Linsengericht“, Kunz spricht tatsächlich ein paar Brocken Chinesisch. „Ich war tatsächlich schon mal in Usbekistan“, behauptet Max Mustermann und Architektin Susi Sorglos liebt tatsächlich Klatschgeschichten über das britische Königshaus. Und so weiter und so fort.

Nach einem zweistündigen Fernsehabend, bei dem mir gefühlte 278 Mal tatsächlich um und in die Ohren flog, erzählte ich meiner lieben Gattin Heidi von meiner neuesten Beobachtung und meinte: „Es scheint sich dabei um ein rein deutsches Phänomen zu handeln, in Österreich ist mir das noch nie aufgefallen!“ Raten Sie mal, was sie tatsächlich zur Antwort gab. Adelheid kehrte die Chipsbrösel von der Couch und frug desinteressiert: „Tatsächlich?“ Tatsache.

Illustration: planet-wissen.de

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13 Kommentare zu “Tatsächlich!”

  1. Wie ulli schon feststellt – tatsächlich interessant👍👏 und wie immer unterhaltsam verpackt!

    Der Duden lehrt:
    als Tatsache vorhanden;
    wirklich, real, faktisch
    Beispiele: vermeintliche und tatsächliche Vorzüge
    die tatsächlichen Umstände
    sein tatsächlicher (umgangssprachlich; richtiger) Name ist Karl

    Wer ist Karl?😎😎😎

    Gefällt 2 Personen

  2. Tatsächlich hätte ich nicht gedacht, dass tatsächlich so viele Deutsche das Wort tatsächlich tatsächlich gebrauchen. Da ich tatsächlich wenig fernsehe, bekomme ich das tatsächlich kaum mit. Vielen Dank für die tatsächlich äußerst informative Aufklärung!🙂
    Herzliche Grüße nach Österreich
    Mallybeau

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Herr Moser!
    Dann schreibe ich einfach nochmals, dass ich tatsächlich beeindruckt bin, wie häufig die Deutschen tatsächlich das Wörtchen tatsächlich in Gebrauch haben. Wie gut, dass Sie uns auf diese tatsächlich etwas ungewöhnliche Eigenart hinweisen.
    Herzliche Grüße nach Österreich
    Mallybeau – ich bin tatsächlich eine Kuh 🙂

    Gefällt mir

  4. Wie bitte Herr Moser?
    Die „Vor allem […] mittelmäßig gebildete Mittelschicht zwischen 20 und 40 Jahren“ ? Jetzt kommenS mir bloß nicht so!
    Wie können Sie so herablassend schreiben? Wer glauben Sie, dass Sie sind? Der Kaiser von China?
    Ich erwarte Ihre demütige Entschuldigung!

    Gefällt 1 Person

    1. Den Teufel werd ich tun! Was ist an meiner Formulierung herablassend? Mittelmäßig gebildet? Damit meine ich eben keine Universitätsprofessoren, aber auch keine dumpfen Bürger, deren einzige Lektüre die Bildzeitung ist. Sondern die breite Masse dazwischen. Weiterhin viel Spaß bei der Suche nach dem Haar in der Suppe! 😉

      Gefällt 2 Personen

      1. Teufel, Teufel! Zur Arroganz kommt nun auch noch Ignoranz hinzu! Ich beginne an Ihnen zu zweifeln, Herr Moser.
        Nun denn! Schreiben Sie wenigstens eine Abhandlung über die inflationäre Verwendung der Phrase „ich wohne im schönen Münster, Kiel, etc. pp. Oder vom häufigen Gebrauch des unsäglichen Anglizismus‘ „definitiv“.
        Da brauchen Sie nicht weit ins TV zu schweifen (nicht bei Ihnen zu finden, tatsächlich übrigens. 😉 )

        Gefällt 4 Personen

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