Glasauge, sei wachsam!

Mein neuer Kollege Dr. Jonas Cerny war gestern nach dem Mittagstisch nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Einfach so. Und heute saß der Kerl wieder an seinem Schreibtisch, reinigte sorgsam seine zentimeterdicken Brillengläser und tat so, als ob nichts gewesen sei. Ich kaute an einem Bleistift und überlegte gerade, ob es wohl ein konspiratives, geheimes Treffen zwischen Direktor Pfotenhauer und dem Emporkömmling gegeben hatte, als Cerny unvermittelt und unbekümmert eine Frage in den Raum stellte: „Herr Moser, haben Sie gestern zufällig die neue Folge von CSI Las Vegas gesehen?“ Aha. Der feine Herr Wirtschaftsdoktor wollte mich in ein scheinbar harmloses Privatgespräch verwickeln. Ein Ablenkungsmanöver, ganz klar. „Es ist schon fantastisch, mit welch ausgeklügelten Methoden diese Ermittler jeden Serienmörder überführen. Ein winziges Hautpartikel reicht schon und peng! sitzt der Killer in der Falle. DNA, Sie verstehen“, schwätzte er drauflos und schnippte ein paar Kopfschuppen von seinem schwarzen Sakko. „Dem Opfer werden die Augen rausgeschnitten und schon wissen die Profiler, dass der Täter ein Einzelgänger zwischen 25 und 45 ist, wahrscheinlich medizinisch vorgebildet, die Mutter eine Prostituierte. Psychologie und Technik. Beeindruckend, finden Sie nicht auch Moser?“

Es war einer der seltenen Fälle, dass ich mich auf ein privates Geplänkel mit dem verdächtig unverdächtigen Cerny einließ: „Nein, ich bin mehr ein Fan der alten Schule. Columbo ist mein Mann. Seit meiner Jugend liebe ich diesen Inspektor mit dem Glasauge, seinen Regenmantel, seinen klapprigen Peugeot, seine zerkaute Zigarre, und seine scheinbar harmlose Taktik, mit Menschenkenntnis und Grips die Bösewichte aufs Glatteis zu führen, bis sie schließlich einbrechen. Das gefällt mir. Und wissen Sie, was mir noch gefällt? Dass er keinen Vornamen hat, zumindest erfährt man ihn in keiner einzigen Folge. Ebenso bekommt man seine Frau, Mrs. Columbo, niemals zu Gesicht.“ Cerny lächelte milde und meinte: „Aber diese uralten Krimis sind doch völlig überholt, langweilig! Keine Gentechnik, keine Datenbanken im Internet, keine Verwertung mikroskopisch kleinster Details – nur Fingerabdrücke, Alibis, ein bisschen Ballistik und riesige Steinzeit-Computer mit blinkenden Lämpchen!“ „Gerade das macht für mich den Charme von Columbo aus, Köpfchen und List statt Technik und literweise Blut!“ konterte ich. So diskutierten wir, bis es Zeit war  Feierabend zu machen.

Ich zog meinen beigen Herbstmantel an und schlurfte zur Tür. Dort drehte ich mich langsam um, kniff ein Auge zusammen und sagte: „Ach ja Mister Tschörni, ehe ich es vergesse: Wo waren Sie eigentlich gestern zwischen 14 und 17 Uhr? Sie haben doch nichts zu verbergen, oder Sir?“ Lässig schob ich den Bleistift von einem Mundwinkel in den anderen. Cernys Augäpfel schwammen aufgeregt hinter den dicken Brillengläsern hin und her. „Wa-wa-warum?“ stotterte er. „Und warum nennen Sie mich Tschörni?“ „Ach nichts von Bedeutung Mr. Tschörni. Reine Routine. Ich brauch das für meinen Bericht, meine Vorgesetzten sind da sehr penibel“, winkte ich harmlos tuend und mit gesenktem Kopf ab. „Ich habe mir in der Kantine beim Mittagessen ein Stück von einem Zahn ausgebrochen und war beim Zahnarzt. Ein Notfall!“ Cerny bleckte sein Gebiss und deutete auf den rechten Eckzahn. Ein schwaches Alibi. „Sie haben nicht zufällig jemanden, der das bezeugen kann, Sir??“ bohrte ich nach. „Mein Arzt Dr. Barany und etwa ein Dutzend Patienten im Warteraum“, versicherte Cerny. „Die ärztliche Bestätigung habe ich heute morgen im Personalbüro abgegeben.“

„Es gibt für alles eine logische Erklärung, ich wusste es“, griff ich mir an die Stirn und bemühte mich, dabei ein wenig zu schielen. „Guten Abend, Mister Tschörni.“ Ich klemmte mir den Bleistift zwischen die Zähne und machte leise die Tür hinter mir zu. „Ein gerissener Hund“, murmelte ich auf dem Weg zum Parkplatz. „Aber ich krieg dich noch, verlass dich drauf.“ Gedankenverloren dämpfte ich meinen Bleistiftstummel im Aschenbecher vor dem Haupteingang der Fabrik ab. Zu Hause wartete Mrs. Columbo… pardon: Frau Moser mit dem Abendessen.

Foto: TopKool

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12 Kommentare zu “Glasauge, sei wachsam!”

  1. Irgendwie hat sich mir die allgemein vorherrschende Begeisterung für „Columbo“ nie do ganz erschlossen. Mich hat fürchterlich gestört, dass man in jeder Folge gleich zu Beginn gesehen hat, wer da wen wie um die Ecke gebracht hat. Das ganze „Täter-raten“, das für mich den Reiz des Krimi-Genres ausmacht, fehlte dadurch komplett.

    Aber Peter Falk selbst war großartig. 🙂

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  2. Lieber Herr Moser, ich habe irgendwas „schlimmes“ mit ihrem Kommentar auf meinen letzten Beitrag gemacht, dass er nun spurlos verschwunden ist. Selbstverständlich werde ich mit Vergnügen ihre Beiträge weiter verfolgen, bin nur gerade durch viel Malen, Stricken, Häkeln Therapien und dann auch noch – ja, das schaffe ich nun auch schon ab und zu – Kommunikation mit MitpatientInnen derart beschäftigt, dass ich das Bloggen und vor allem auch das Lesen ziemlich verlachlässige. Ihre Beiträge lese ich mit solchem Vergnügen, dass ich sie nicht so husch husch überfliegen, sondern in aller Ruhe und Gemütlichkeit lesen will. Vielleicht steht so ein gemütlicher Blogleseabend morgen Nachmittag an. Sie waren ja die letzte Woche ziemlich fleißig – da habe ich erfreuliche Lektüre. Freue mich wirklich schon 🙂
    Herzliche Grüße in Ihr Österreich
    Agnes Podczeck

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