Lost in Christmas

Es war ein klirrend kalter Samstag, und Adelheid hatte mich ohne große Gegenwehr zu einem Adventbummel überredet. Die Wiener Innenstadt hatte sich festlich-weihnachtlich herausgeputzt. Über den Straßen hingen riesige, rot illuminierte Kugeln, weiß-goldene Lichtertropfen zauberten magische Effekte, in den Auslagen der Geschäfte lockten verführerisch potenzielle Geschenke zum Kauf. Ich stöberte mit Heidi in kleinen Buchhandlungen nach literarischen Gaben, und auch der pragmatische Herr Moser wurde von vorweihnachtlichen Gefühlen durchflutet.

Bei Einbruch der Dunkelheit steuerten wir als letzte Station den Weihnachtsmarkt am Stephansdom an. Die durchgefrorenen Glieder wollten gewärmt werden, einen Punsch hatten wir uns jetzt redlich verdient. Mit ihrem unvergleichlichen Gespür entdeckte Heidi ein freies Plätzchen an einem der raren Stehtische, und ich stellte mich ans Ende der menschlichen Riesenschlange, um Beerenpunsch und Glühwein zu ordern. Bereits eine Viertelstunde später schlürften wir unser heißes Gebräu, Heidi machte ein paar Selfies von den rotnasigen Mosers und wir genossen das wogende Treiben. Kaum nahmen die ersten winzigen Promilles ihre Arbeit in der Blutbahn auf, vermeldete meine reizende Gattin, dass sie von einem dringenden Bedürfnis geplagt werde: „Wo ist denn hier ein Klo?“ Im Vertrauen: Adelheid hat die Blase eines Zwergpapageis. Suchend blickten wir uns um, doch die Menge der launigen Punschtrinker versperrte jegliche Sicht auf eventuell vorhandene Erleichterungsgelegenheiten. „Egal, ich find schon was“, verkündete meine optimistische Frau, schnappte sich die Handtasche und verschwand im Menschenmeer.

20 Minuten später: Noch immer keine Spur von Heidi. Ich nahm den letzten Schluck Glühwein aus der roten Stiefeltasse und beschloss, sie anzurufen. Gott segne den Erfinder des Handys! Ich kramte in allen verfügbaren Jacken- und Hosentaschen, ehe mir einfiel, dass mich die fürsorgliche Adelheid genötigt hatte, meinen dünnen Herbstmantel gegen die warm gefütterte Pelzjacke auszutauschen. „Du wirst mir noch dankbar sein“, hatte sie im Hinblick auf die herrschenden Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt gemeint. Dafür war ich ihr tatsächlich dankbar, allerdings befand sich jetzt mein Handy daheim im abgelegten Mantel. Ich war allein, ohne Möglichkeit der Kontaktaufnahme, und Heidi hatte sich womöglich in den dunklen Winkeln der Altstadt verlaufen. Ich musste handeln – jedoch nicht ohne mir vorher das Pfand für die roten Trinkstiefel zurückzuholen.

Wie einst Odysseus begab ich mich auf Irrfahrt, um meine schöne Helena zu suchen. Ein schwerer Fehler. Hatte ich denn aus den Dutzenden Abenteuerfilmen gar nichts gelernt? Kentert dein Schiff auf offener See, schwimme nicht einfach drauflos in der Hoffnung, auf Land zu stoßen. Stürzt dein Flugzeug inmitten einer Wüste ab, bleib beim Wrack und laufe nicht drauflos in der Hoffnung, Hilfe zu finden. Bleib! Doch mein Beschützerinstinkt befahl mir, das verschollene Weib zu retten. Also holte ich tief Luft und tauchte ein in das adventarische Gewühl. Strategisch durchkämmte ich die umliegenden Straßen und rief in dunklen Gassen laut und verzweifelt nach „Heidiiiiii!“. Mein hohles Echo blieb die einzige Antwort. In Kaffeehäusern und Pizzerien schlich ich auf die Damentoiletten, klopfte an verschlossene Kabinentüren und flüsterte lauthals: „Heidi? Bist du da?“ Im Jade-Tempel, einem noblen Asiaten, packte mich eine dürre Japanerin am Kragen und warf mich in ihrer Landessprache schimpfend aus dem Lokal. Mein Einwand, dass ich doch bloß Frau Moser suche, schien sie nicht zu interessieren. Und so streifte ich frierend und bereits ein wenig hungrig durch die weihnachtliche Innenstadt. Um die Einsamkeit und Angst zu vertreiben, pfiff ich mit klammen Lippen „Ave Maria“.

Als die meisten Punschbuden leergesoffen waren und der Menschenstrom langsam Richtung U-Bahn abfloss, entdeckte ich meine so schmerzlich vermisste Adelheid. Sie naschte gebrannte Mandeln und sprach mit einem Fiakerkutscher. Wahrscheinlich erkundigte sie sich, ob ihm ein gutaussehender Mann in grüner Pelzjacke aufgefallen sei. Die gute, treue Seele! Ich rannte auf sie zu und bibbernd vor Kälte und Wiedersehensfreude fielen wir uns die Arme. Wie sich herausstellte, hatte ihre Toilettensuche ein wenig länger gedauert und sie war in unseren Punschhafen zurückgekehrt, wohl kurz nachdem ich diesen verlassen hatte. Dumm gelaufen.

„Alles in Ordnung mit dir, Moser?“ frug sie besorgt, während sie meine steifen, blauen Finger knetete. „Naja“, murmelte ich. „Jetzt müsste ICH mal dringend aufs Klo…“ Heidi stopfte mir eine Handvoll gebrannter Mandeln in den Mund. „Das wirst du dir jetzt verkneifen! Komm, wir fahren heim!“ Schnellen Schrittes stapften wir los. Wo zum Kuckuck hatten wir nochmal das Auto geparkt?

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4 Kommentare zu „Lost in Christmas“

  1. Lieber Herr Moser oder wie es die dürre Japanerin sagen würde: liebel Hell Mosel!
    Bei Weihnachtsmarktbesuchen stellen sich die alltäglichen kleinen Problemchen oft als immense Herausforderungen dar. Welch ein Glück, dass Sie wohlbehalten wieder zu Hause eingekehrt sind. Ein Selfie der rotnasigen Mosers hätte mich allerdings sehr interessiert 🙂
    Herzliche Glühweingrüße von der Alm
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

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