Woodstock

Gestern Abend lud Direktor Mag. Erwin Pfotenhauer die Bürobelegschaft unserer Fischkonserven-Manufaktur zur obligatorischen Betriebsweihnachtsfeier. Gebucht war das Extrazimmer des nicht ganz billigen Italo-Restaurants „San Remo“, dessen schnauzbärtiger Chef uns überschwänglich mit reichlich Gestik und deutsch-italienischem Kauderwelsch in Empfang nahm: „Aaahh, buena sera! Come stai? Wie gett e? Va bene? Bienvenuti in Ristorante San Remo, komme Sie!“ Dazu reichte er kleine Gläschen mit „Grappa auf die Ause, eh!“ Heidi hatte mir zuvor eingeschärft, alkoholische Getränke nur sehr sparsam zu konsumieren, schließlich wisse man, was unter Alkoholeinfluss auf Weihnachtsfeiern alles passieren kann. Und sie wolle sich nicht fremdschämen müssen. Mir wurde an der weihnachtlich dekorierten Tafel der Sitzplatz zwischen Pfotenhauer und meinem verdächtig unverdächtigen Kollegen Cerny zugewiesen. Ich kippte den Grappa auf ex.

Bei der Vorspeise, einem gemischten Antipasti-Teller mit gegrilltem, fettigen Gemüse, wollte das Tischgespräch noch nicht so richtig in Schwung kommen. Der Small Talk tropfte so zäh wie das Olivenöl aus unseren Mundwinkeln. Doch auf dem Tisch standen reichlich Karaffen mit Barolo und Frascati, und Kollege Cerny übernahm die Rolle des Mundschenks. Er sorgte mit seinen wachsamen, überdimensionalen Augen dafür, dass unsere Gläser stets gut gefüllt waren. Bereits beim Hauptgang, einem schmackhaften Saltim Bocca Romana, hatte ich den Überblick verloren.  War es das dritte, oder schon das vierte Glas Rotwein? Scheißegal. Der Schnauzbart kam, fragte unser Wohlbefinden und die Qualität des Essens ab, während er eine neue Runde Grappa kredenzte. Als er mir den Hochprozentigen reichte, frug ich ihn ungeniert: „Wussten Sie eigentlich, dass Saltim Bocca auf Deutsch Spring in den Mund heißt?“ Das hätte mir zu denken geben sollen.

Der fleißige Mundschenk Cerny leistete hochprofessionelle Arbeit, und ich fühlte mich sehr entspannt, locker und souverän. Ich legte Direktor Pfotenhauer meinen Arm um die breite Schulter, wischte ihm einen Klecks Tiramisu von der Wange und begann, von früher zu erzählen. Dass ich als junger Moser noch nicht mal Ahnung gehabt hatte, dass es so etwas wie Tiramisu überhaupt gibt. Dass es harte Zeiten waren und mein einziges italienisches Essen aus Dosenravioli und zusammengepappten Spaghetti bestand. Pfotenhauer befreite sich aus meiner Umklammerung und murmelte: „Sehr interessant!“ Ich ließ nicht locker, nahm noch einen tiefen Schluck Barolo und berichtete von meiner bitteren Armut, als ich nicht mal Geld für ein anständiges Frühstück hatte: „Wissssens Herr Pfodenhauser, ich ging im Pyjama zum Sssupermarkt… Augen zu, und um den Hals trug ich ein Schild mit der Aufschrift Vorsicht Schlafwandler, nicht ansprechen, Lebensgefahr!!!“ Ich leerte mein Glas und fuhr fort: „Ich hab mir Brot, Butter, Salami, Sigaretten und eine Seitung genommen… ganz ungestört, und bin wieder rausspaziert. Keiner hat mich aufgehalten…“ Bei dieser Erinnerung überfiel mich ein Lachkrampf, und ich sprühte mit dem Barolo ein interessantes, rotes Muster auf die weiße Tischdecke. „Sehn Se, was der Hermann Nietzsche…Nitsch kann, kannichschonlange!“ lallte ich und kniff Cerny in die Backe. Danach fehlt mir jede Erinnerung.

Als ich heute Morgen mit zerknittertem Hemd und verrutschter Krawatte auf unserem Sofa erwachte, tötete mich Heidis Blick beinahe. „Und? Wie war es?“ fuhr ihre Stimme scharf wie ein Schwert in meinen Schädel, in dem gerade ein ganzer Hornissenstock zum Leben erwachte. „Betriebsweihnachtsfeiern sind das Woodstock der Büroangestellten…“ flüsterte ich. „Und der Cerny hat mich abgefüllt, mit voller Absicht.“

Advertisements

4 Kommentare zu „Woodstock“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s