Oh Tannenbaum!

Meine liebe Adelheid ist ja eine überaus kreative Frau Moser. Sie hat ein Auge für das Schöne, das Dekorative, das Gefällige. Auch der Christbaum in unserer warmen Reihenhaus-Stube wird von ihr nicht achtlos mit bunt gewürfeltem Glitzerzeug behangen, sondern folgt einem durchdachten, künstlerischen Konzept. In diesem Jahr lautet das Konzept Weiße Weihnachten.

Die letzten Weihnachten mit richtig dick Schnee in Wien fanden im letzten Jahrtausend statt, als ich zu meinen Moonboots und dem bestickten Lammfellmantel noch schulterlanges Haar trug und einen flaumigen Schnurrbart, der wie Dreck aussah. Und weil auch in diesem Jahr die Prognosen für weiße Weihnachten nicht gerade günstig stehen, will Heidi mit ihrem Baumkonzept wenigstens die Illusion von Schnee ins Wohnzimmer holen. Weiße Kerzen, weiße und silbrige Kugeln, weißer Kunstschnee, weiße Bändchen, weiße Schokolade und weißes Engelshaar sollen eine grüne und natürlich biologische Tanne zieren. Heidi legt großen Wert auf Bio.

Ich erbot mich, die Axt aus dem Geräteschuppen zu holen, in den Wienerwald zu fahren und den Hauptdarsteller für ihre Inszenierung von „White Christmas“ selbst zu schlägern. „Ich bringe dir mitten aus der Natur die biologischste Tanne der Welt, und außerdem sparen wir locker 60 oder 70 Euro!“ verkündete ich stolz. „Nix da, Moser“, sagte Heidi und ließ rasch den Schlüssel zum Geräteschuppen in ihrer Hosentasche verschwinden. „Entweder verirrst du dich im Wald, oder du hackst dir mit dem Beil ins Bein… das will ich mir alles gar nicht ausmalen.“ „Ich könnte Brotkrumen auf den Weg streuen, damit ich mich nicht verlaufe“, entgegnete ich, doch Heidi blieb stur. „Außerdem darfst du nicht in irgendeinen Wald gehen und dort einfach eine Tanne fällen, das ist Diebstahl.“ Damit hatte sie mich. Die Aussicht, von einem übereifrigen Forstbeamten in ein dunkles Waldverlies geworfen zu werden, schien mir nicht sehr verlockend. Also beauftragte mich die weitsichtige Adelheid, den Christbaumhändler am Parkplatz gleich neben dem Mega-Markt aufzusuchen, und ein passendes Bäumchen auszusuchen. Maximal 1,70 sollte es groß sein, von geradem, untadeligem Wuchs, natürlich biologisch und aus unserem schönen Österreich.

Es war ein sonniger, wenn auch windiger Nachmittag, und ich schlenderte mit Sonnenbrille betont unauffällig und desinteressiert durch die duftenden Baumreihen, um das Angebot zu sondieren. Der Händler, ein knorriger Bursche mit blauer Arbeitsschürze und schmutzigen Fingernägeln, beachtete mich nicht. Ich drehte mehrere Runden und traf eine erste Vorauswahl, die ich im Verlaufe weiterer Inspektionsgänge immer mehr eingrenzte, bis schließlich der perfekte Baum übrig blieb. Eine stattliche Tanne, gut gerne 2,30 Meter hoch, sattes Grün, dichter Wuchs. Heidi würde Augen machen. Räuspernd baute ich mich neben dem Verkäufer auf, deutete mit einer lässigen Kopfbewegung in Richtung des Auserwählten, und frug: „Ist der auch biologisch? Also Freiland, keine Käfighaltung? Kein Kunstdünger, keine Massenbaumzucht? Eine glückliche Tanne?“

Der Naturbursche nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, spuckte auf den Boden des Parkplatzes und knurrte: „Waldviertel. Mein Wald. 85 Euro.“ Ich murmelte etwas Anerkennendes und sagte dann: „Ich geb Ihnen 60.“ Der Händler wandte sich schweigend ab und sägte Zweige von einem liegenden Nadelgehölz. Ich erhöhte auf 70, dann auf 75, dann auf 80, aber der Waldviertler sägte stumm weiter. Erst bei 85 Euro wurde er weich und schlug ein. Das Handeln liegt mir im Blut.

Im Garten musste ich die biologische Prachttanne leider um gut einen halben Meter kürzen, da Heidis weißer Konzeptschmuck für den 2,30 m Riesen nicht ausreichen würde. Dabei entdeckte ich ein kleines Plastikschildchen mit dem Aufdruck einer mir unbekannten Sprache. Irgendetwas mit „Polska“. Wie ich aus meiner Zeit als Briefmarkensammler weiß, bedeutet es „Polen“. Ich ließ das Schild unauffällig verschwinden und betrachtete stolz mein Werk. Bei Christbäumen macht mir keiner so schnell was vor.

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13 Kommentare zu “Oh Tannenbaum!”

  1. Hahaha, herrlich, Herr Moser! Bei „Waldviertel. Mein Wald.“ hatte ich einen etwas verlotterten, wunderschön gelegenen Bauernhof im Sinn, auf den osteuropäische LKW osteuropäische Weihnachtsbäume bringen, die dort haufenweise lagern und erst die Wiener, dann den importierenden Bauern beglücken, der seine Kundschaft übers Ohr haut und dabei einen Reibach macht. – Sehr schöne Geschichte. Nun bin ich auf die Fortsetzung gespannt. Wird Herr Moser die polnische Tanne aus dem Waldviertel bezwingen und verletzungsfrei in den Baumständer bugsieren? Entsprechen Herrn Mosers 1,70 m Baumlänge auch dem genormten Maß oder entpuppen sie sich beim Nachmessen durch Frau Moser als mickrige 80 cm? Darf Herr Moser seiner Kreativdirektorin Adelheid bei der Baumdekoration assistieren und die Kugeln anreichen? Wie harmonisch wird das vonstatten gehen? Ich bin schon sehr gespannt wie es weitergeht!

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  2. Lieber Herr Moser!
    Ihre liebe Heidi ist wirklich eine weitblickende Dame. Ich bin gespannt, ob sie mit ihrem weiße-Weihnachten-Konzept möglicherweise der Vorreiter für „wirklich weiße Weihnachten“ ist. Wer weiß, vielleicht schneits am 24sten tatsächlich.
    Und wenn ich demnächst einen neuen Teppich für mein Wohnzimmer benötige, werde ich Sie bitten, mir vom Teppichhändler einen teuren Perser spottbillig zu erstehen. Ich beneide Ihr Talent des Feilschens. 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

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