Chinesische Philosophie

Im Stress der letzten Weihnachtsvorbereitungen hatte meine fleißige Heidi heute keine Lust, sich auch noch an den Herd zu stellen und meinte: „Moser, lass uns zum Chinesen essen gehen!“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen.

Das Lokal „Zum Glücksdrachen“ war mittags sehr gut besucht, aber mit Heidis paranormalen Fähigkeiten ergatterten wir noch einen 2er-Tisch am Fenster. Die Mittagsmenüs beim Chinesen sind ja recht günstig und ausgiebig. Ich wählte Nr. 24, Hühnchen süßsauer mit Ananas, meine Gattin entschied sich für Nr. 13, Knusprige Ente. Bei der Vorspeise gab sie  der Suppe den Vorzug, ich bestellte: „Flühlingslolle bitte!“ Nachdem sich das asiatische Fräulein in ihrer blauglänzenden Seidenbluse mit aufgedruckten Kranichen artig verneigt und sich entfernt hatte, zischte Heidi: „Hast du gerade Flühlingslolle gesagt?“ Ich nickte. „Du machst dich über die armen Chinesen lustig, weil sie kein R aussprechen können?!“ Meine brave und überaus korrekte Adelheid war empört.

„War doch nur ein Späßchen“, entgegnete ich besänftigend. „Heutzutage muss ja alles, einfach alles politisch korrekt benannt werden. Das geht mir auf den Senkel. Wir dürfen nicht mal mehr Negerküsse oder Zigeunerschnitzel sagen, ohne schief angeschaut zu werden! Ein Wunder, dass wir noch Führerschein sagen dürfen.“ „Diesen Witz hab ich schon auf Facebook gesehen“, wies mich Heidi zurecht. „Erwischt, liebe Frau!“ gab ich zu und verkniff mir den Zusatz „Oder darf man Frau auch nicht mehr sagen? Heißt es jetzt Mensch mit Menstruationshintergrund?“ Heidi löffelte schweigend ihre zähflüssige Glutamat-Suppe undefinierbaren Inhalts, ich ertränkte meine knusprige Lolle (!!!) in reichlich Sojasauce.

Nach einem Schälchen süßer Dosen-Litschi erhielten wir zur Rechnung von der Bedienung in der Kranich-Bluse noch einen chinesischen Bambus-Kalender für 2017, bedruckt mit fernöstlichen Motiven. „Flohe Weihnachten!“ wünschte sie uns. Höflich erwiderte ich: „Und guten Lutsch!“

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21 Kommentare zu „Chinesische Philosophie“

  1. Du hast die aktuelle Situation im Lande gut komprimiert dargestellt. Es ist traurig dass nichts mehr gesagt werden kann, ohne dass sich irgendjemand „benachteiligt“ oder stigmatisiert fühlt. Sogar die Ironie und der Humor unterliegt mittlerweile strengen Auflagen.
    Aber „Mensch mit Menstruationshintergrund“ das gefällt mir gut 😅

    Gefällt 1 Person

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