Völlerei

Die Tage von Weihnachten bis Silvester sind im Hause Moser ein kulinarischer Marathonlauf. Nach dem opulenten Festmahl am Heiligen Abend lud meine liebste Schwiegermutter Inge am 25. Dezember in ihr stilsicher weihnachtlich geschmücktes Heim zum Fondue. Der Tisch bog sich unter der Last der Köstlichkeiten, und Inge schleppte immer neue, in mundgerechte Happen zerteilte Filetstücke herbei. Der Tierbestand eines ganzen Bauernhofs (Rind, Kalb, Schwein, Huhn) lag bereit, um von uns aufgespießt und in Öl gebrutzelt zu werden. Dazu gab es eine Auswahl von Saucen, die jedem Supermarkt zur Ehre gereicht hätte, sowie Brot und Gebäck in allen Farben, Formen und Getreidesorten. Von der Vielzahl an Salaten ganz zu schweigen. Wir griffen tüchtig zu und die Schwiegermama war glücklich. Mit ihrem neuen Smartphone, das ihr das Moser´sche Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte, dokumentierte sie aus allen Blickwinkeln unsere zufriedenen Gesichter, unsere fettglänzenden Münder und das üppige Speisenangebot. Beim Nachtisch hatten wir die Wahl zwischen ihren cremigen Malakoffschnitten und Topfenpalatschinken. Um uns die Entscheidung zu erleichtern, belud Inge die Dessertteller sicherheitshalber mit beiden Süßspeisen.

In ähnlicher Tonart ging es tags darauf bei Heidis alter Freundin Anni weiter. Sie befüllte das Festtagsgeschirr für besondere Anlässe mit handgemachter Pasta, die von ihrer Lieblingsspezialsaucenkreation (Schinken, Pilze, Parmesan, getrocknete Tomaten, Sahne) gekrönt wurde. Ihr Göttergatte Herbert zeigte sich für den Wein zuständig: „Was darf ich euch anbieten? Rot oder weiß? Herb, säuerlich, fruchtig, lieblich? Aus Österreich, Italien oder Frankreich?“ Dabei räumte er eine ganze Batterie an Flaschen aus seinem klimatisierten Weinschrank und baute sie vor uns auf.  Wir kamen nicht zu Wort, um unsere Wahl kundzutun, denn Herbert pries seinen Wein an wie ein Fischhändler seine Ware am Naschmarkt. Unter Einsatz seines gesamten Fachvokabulars (lieblich im Abgang, mit Aromen von Feige und Beeren, im Barrique ausgebaut usw.) beschrieb er die diversen Jahrgänge und Rebsorten, ehe ich ihn unterbrach und entschlossen auf eine x-beliebige Flasche zeigte: „Diesen bitte, der sieht gut aus!“ Natürlich blieb es nicht dabei, und der Abend endete einige Liter später bei einer süffigen Trockenbeerenauslese zum Schokobrunnen. Am Dienstag luden meine werten Eltern zu Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln, mit einer Erwachsenenportion Sachertorte zum Abschluss. Und gestern haben wir bei unseren Nachbarn, den Kalteneggers, rund 3,4 Kilogramm selbstgebackene Weihnachtskekse verputzt.

Heute Nachmittag tüftelte ich mit Heidi die Einkaufsliste für Silvester aus: Räucherlachs, Kaviar, Heringssalat, Kartoffelchips und andere Knabbereien, Toastbrot, Aufstriche aller Art, Wein, Sekt und vieles mehr. Ich fühlte ein heftiges Sodbrennen, meine neuen Jeans spannten um den Bauch bedenklich. Ich öffnete den obersten Hosenknopf und sagte: „Nächstes Jahr sollten wir zu den Feiertagen etwas kürzertreten, ich hab sicherlich schon 3 Kilo zugenommen…“ Adelheid blickte kurz von der Einkaufsliste auf und meinte: „Wir nehmen nicht zwischen Weihnachten und Neujahr zu, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten!“

Ich dachte kurz über die klugen Worte meiner lieben Frau nach und sagte: „Ach Heidi, du hast ja so recht!“ Dann schnappte ich mir einen Schoko-Schirm von der weiß geschmückten Tanne und biss genüsslich hinein.

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6 Kommentare zu “Völlerei”

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