Durchgeknallt!

Den kernigen Walter Weinwurm, genannt Rotkäppchen, habe ich der geneigten Leserschaft bereits vorgestellt: Der pensionierte Polizist mit ausgeprägtem Hang zu militärischer Zucht und Ordnung sieht sich als eine Art „Blockwart“ unserer beschaulichen Reihenhaus-Siedlung; mittels Trillerpfeife vertreibt er lärmende Kinder, überwacht die Einhaltung sämtlicher Vorschriften, hat zwecks körperlicher Ertüchtigung eine Fußballmannschaft  aus den männlichen Bewohnern rekrutiert, und gäbe es einen Preis für die aufwändigste und kitschigste Weihnachtsdeko – das Weinwurm-Haus wäre alljährlich der unumstrittene Sieger aller Kategorien.

Gestern bemerkte ich, dass der grausige und ab 17 Uhr beleuchtete Rentierschlitten mit Santa Claus und dem rotnasigen Rudolph aus seinem Garten verschwunden war. Stattdessen hantierte Rotkäppchen, mit dem üblichen Tarnanzug adjustiert, keuchend mit gelochten Betonklötzen, leeren Flaschen und Ziegelsteinen. Ich entbot ihm einen Neujahrsgruß und frug nach dem Zweck seines Tuns. „Das wird meine Raketenabschussbasis, Moser!“ rapportierte Weinwurm stolz. „Schweres Geschütz. Phantomflieger, Hunter, Mirage, Cuckoo Cuckoo, Bombenraketen und Thunder. Einwandfreie Ware.“ „Aha“, nickte ich und schüttelte innerlich den Kopf. In der Ferne explodierten die ersten Kracher und Böller. „Ab Null Uhrrrr wirrrd zurückgeschossssen!“ verkündete Weinwurm und imitierte dabei den rollenden Tonfall der größten Missgeburt der Weltgeschichte. Rasch hastete ich weiter.

Um Mitternacht begrüßte ich mit Heidi das neue Jahr, wir erhoben unser Sektglas auf ein friedliches und gesundes 2017. Wir gossen flüssiges Blei in kaltes Wasser, wobei ich mein heringsähnliches Gebilde als gutes Omen für meine berufliche Karriere deutete. Dann traten wir hinaus in den Garten, um uns auf dem Rasenparkett zu den Klängen des „Donauwalzers“ zu wiegen.  Aus dem Garten von Walter Weinwurm schräg vis-a-vis erklang schauerliches Gelächter. In der hell erleuchteten Nacht konnten wir erkennen, wie er Rumpelstilzchen-gleich um seine Abschussanlage tanzte, eine Rakete nach der anderen abschoss und dabei lauthals „Feuer! Eins, zwei, drei – Feuer frei!!!“ schrie.

„Wozu feiern diese Typen überhaupt Neujahr? Die leben doch ohnehin ewig im Gestern“, sagte ich zu Heidi und küsste sie auf die Nasenspitze. „Komm, lass uns reingehen. Mir ist kalt.“ Später, unter der warmen Decke, strich ich Adelheid über die neue, dunkelblaue samtige Seidenpyjamabluse und flüsterte: „Du fühlst dich an wie ein Seehund-Junges…“ „Aber fang bloß nicht an, mich mit rohen Heringen zu füttern!“

Begleitet von Böllerschüssen und dem irren Lachen des Blockwarts schliefen wir selig ins neue Jahr. Das Seehundbaby in meinem Arm schnaubte leise und zufrieden.

Liebe Leser! Ich danke für eure Treue im abgelaufenen Jahr und freue mich, wenn ihr mir diese auch 2017 haltet. Gehabt euch wohl! 

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16 Kommentare zu “Durchgeknallt!”

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