O Sohle mio!

Heute war ein frostiger, aber sonniger Tag. Strahlend blau spannte sich das Firmament über unsere Reihenhaussiedlung am Rande der Stadt, nur durchzogen von ein paar Kondensstreifen lautlos reisender Düsenflieger. Heidi übergoss den saftigen Schweinsbraten im Ofen mit Bratensauce, ich freute mich auf herrliches Nichtstun. Mein Dienst in der Fischkonservenfabrik beginnt erst wieder am Montag. Zu früh gefreut, denn meine liebe Frau meinte, es wäre der perfekte Tag, um mit der Umsetzung unserer Neujahrsvorsätze zu beginnen. Sie zückte ihr schlaues, schwarzes Notizbüchlein, wo unter der Überschrift „Vorsätze 2017“ unter Punkt 3, klein a) schwarz auf weiß geschrieben stand: Mehr Bewegung an der frischen Luft / sportliche Aktivitäten (Nordic Walking, Wandern u.ä.)

„Am Nachmittag machen wir einen Spaziergang durch die Weingärten“, verkündete Adelheid. „Da hat man einen tollen Blick auf Wien!“ Zaghaft wendete ich ein, dass es für außerhäusige Aktivitäten viel zu kalt sein, worauf ich ein „Beim Wandern wird dir schon warm werden!“ erntete. Typisch Heidi. Mit einem harmlosen Spaziergang locken, der sich am Ende als brutale Wanderung entpuppt. „Ich hab aber gar keine festen, warmen Winterschuhe“, startete ich noch einen letzten, verzweifelten Versuch. „Doch, du hast sie nur seit drei Jahren nicht mehr angehabt. Sie stehen im Keller“, belehrte sie mich eines besseren.

Der Klügere gibt nach, und so stapften wir in der gleißenden Nachmittagssonne durch millimeterhohen Schnee in den Strebersdorfer Weinbergen. Heidi zog mit weit ausladenden Schritten ihre Spur, ich hechelte hinterdrein und sinnierte über die Gefahren von Schneeblindheit. Sorgfältig dokumentierte mein braves Eheweib mit dem Smartphone den Raureif auf erfrorenen Weinstammreben, jauchzte beim Anblick einer Rehfamilie auf weitem Feld ein leise verhaltenes Oooohhh!, um die „armen Tiere nicht zu verschrecken“, und kratzte ein bisschen Schnee vom Wegesrand, um mich mit einem damenhaft geworfenen Schneebällchen zu necken.

Nach etwa 30 Minuten – ich dachte gerade an die flaumigen Krapfen mit Marillenmarmelade, die Heidi heute früh vom Bäcker geholt hatte – verspürte ich ein sonderbares Schmatzen und Ziehen an meinem rechten Fuß, begleitet von einem Geräusch wie es normalerweise ein Badeschlapfen am Sandstrand verursacht. Was soll ich Ihnen sagen? Die linke Sohle meiner knöchelhohen Winterschnürschuhe begann sich vor meinen Augen aufzulösen, und dem rechten stand ein ähnliches Schicksal kurz bevor. Meine Füße fühlten sich bereits eiskalt und feucht an. Stöhnend und jammernd ließ ich mich zu Boden sinken und rief: „Meine Beine! Meine Beine!“ Erschrocken eilte Heidi herbei, einen schlimmen Beinbruch oder einen verstauchten Knöchel vermutend. Mit zusammengebissenen Zähnen deutete ich auf die todkranken Schuhe. „Heidi“, stammelte ich. „Ich kann nicht mehr weiter, ich habe rechts und links unten einen Platten. Lass mich hier zurück, bring dich in Sicherheit, schlage dich bis zum Parkplatz durch und hole mich mit dem Auto vorne an der Straße ab. Viel Glück!“ Heidi meinte noch, das käme davon, weil ich die Schuhe so gut wie nie benutze, dann verrotten sie eben. Ich nickte und flüsterte: „Geh, geh! Ich liebe dich!“

Eine Stunde später saßen wir im Warmen bei Kaffee und Krapfen. Im Radio lief der Wetterbericht: „Morgen bringt eine Kaltfront von Nordosten eisigen Wind mit Böen bis 100 km/h, teils ergiebigen Schneefällen und Graupelgewittern…“ An eine Neuauflage der Winterwanderung mit frischem Schuhwerk war vorläufig nicht zu denken. „Es wird ungemütlich, da bleiben wir lieber zu Hause“, sagte ich zu Heidi und wischte mir einen Klecks Marillenmarmelade vom Kinn.

Foto: Adelheid Moser

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8 Kommentare zu „O Sohle mio!“

  1. Kaum jemand wird sich über diesen Wetterbericht so gefreut haben wie Sie, lieber Herr Moser.
    Ich habe Heidi und Sie vor meinem geistigen Auge durch den Schnee stapfen und bin ob ihres Malheurs – ich gebe es zu – sehr erheitert. Da gab es doch mal so ein Sprichwort: „Wer den Schaden hat …“ 😉
    Auf einen gemütlichen Mittwoch zu Hause!

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  2. Lieber Moser , ich kann nur sagen , manchmal mag uns der liebe Gott . Dann löst er Schuhsohlen auf , und schickt auch für den nächsten Tag so richtig kaltes Wetter , Wir können dann guten Gewissens behaupten , schade , dass so schlechtes Wetter ist , es wäre so schön eine Wanderung zu machen . Naja , das Frühjahr kommt bestimmt , wir müssen nur bei Krapfen und Kaffee warten . Was ich ja auch nicht so schlecht finde . Bin ganz deiner Meinung , zu Hause ist es gemütlich .liebe Grüsse Rosi

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  3. Na, wenn da nicht die liebe Heidi bei den Schuhen nachgeholfen hat, um später Herrn Moser vorhalten zu können, sie wollte den guten Vorsätzen Taten folgen lassen, wurde aber vom vernachlässigten entzwei gegangenen Schuhwerk des Gatten sowie vom schlechten Wetter ausgebremst. Doch halt, was für andere Beziehungen zutreffen mag, gilt ja nicht für alle. Soo ist die liebe Adelheid nicht – jedenfalls nicht, soweit man das bisher hier lesen konnte. 😉 Das Alternativprogramm gefällt mir momentan auch viel besser.

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