Sternsinger

Draußen rüttelte Sturmtief „Axel“ an den Bäumen, drinnen nahm Frau Moser eines ihrer geliebten Entspannungsbäder mit viel Schaum und Musik aus den Kopfhörern. Ich stand in der Küche, schälte und schnitt einen kleinen Berg Zwiebel für unser abendliches Gulasch. Alles war friedlich, bis es an der Haustür klingelte. Nanu? Besuch am späten Nachmittag? Ich eilte zur Tür und öffnete.

Da standen drei in bunte Tücher gehüllte Königskinder plus ein Mädchen mit einem gelben Pappstern an einer Stange. Ach ja, es war wieder soweit! Die heiligen drei Könige zogen um die Häuser, um milde Gaben zu sammeln. In unserer politisch korrekten Zeit hatte man diesmal allerdings auf den Einsatz eines Mohren verzichtet. Bei uns wird kein weißes Kind mehr mit Schuhcreme bemalt, wohl um keine dunkelhäutigen Migranten und Mitbürger zu diskriminieren. Zaghaft und mit dünnen Stimmchen stimmten die Sternsinger ihr Liedlein an, die Augen schreckensweit aufgerissen und mit bebenden Lippen.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich noch das große Messer in Händen hielt, die Wangen tränenüberströmt vom Zwiebelschneiden. In dieser Sekunde ertönte aus dem Badezimmer im oberen Stockwerk ein schauerliches Heulen und Winseln. Heidi versuchte sich wohl an Whitney Houston, für die armen Könige muss es eher wie der verzweifelte Hilfeschrei einer verletzten Hausfrau geklungen haben. Ich versteckte das Messer hinter dem Rücken,  verbeugte mich verlegen und murmelte: „Urbi et orbi.“ Das Mädchen im grünen Umhang begann zu weinen. Ohne meinen Blick abzuwenden tastete ich nach der Schale mit Kleingeld, die stets griffbereit auf der Vorzimmer-Kommode steht. Die Sternsinger ergriffen laut schreiend die Flucht.

Wenig später saß ich mit Heidi auf der Couch. Sie trug einen Handtuch-Turban, war in einen flauschigen Bademantel gehüllt und lackierte sich die Zehennägel. „Ob in diesem Jahr wohl die Sternsinger kommen?“ frug meine Liebste. „Ach ich weiß nicht“, antwortete ich rasch. „Die haben dieser Tage viel zu tun. Also sei nicht enttäuscht, wenn wir diesmal nicht drankommen.“

Advertisements

13 Kommentare zu „Sternsinger“

  1. Lieber Herr Moser!
    Von nun an dürfte sich Ihr Zuhause wohl als Bates Motel bei den kleinen Sternsingern herumgesprochen haben. Den Ruf haben Sie weg. Theoretisch müsste ja noch die Badezimmerszene mit dem Messer folgen, aber ich denke, Sie haben mit der Couch die richtige Alternative gewählt 🙂
    Herzliche Grüße von der verschneiten Alm
    Mallybeau

    Gefällt 3 Personen

  2. Es ist ungeheuerlich die armen Kinder in solch Panik zu versetzen.
    Wenn die Muttis und Papas davon hören, ist ein Einrücken des SEK im heiligen Wohnzimmer schon denkbar.
    Also schnell die schußsichere Weste angelegt. 😉
    Trotzdem wünscht Männe einen schönen Abend.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s