Magische Momente

Das Christkind brachte Familie Moser unter anderem Tickets für eine „zauberhafte“ Veranstaltung (Danke Mutti!). Der bekannte Mentalist M. gastierte in der Stadt – und wir waren eingeladen, der Vorführung seiner unerhörten geistigen Fähigkeiten beizuwohnen. Anders als der althergebrachte Zauberer, der sein Publikum mit Kartentricks, zersägten Jungfrauen oder aus dem Nichts erscheinenden Tauben oder Kaninchen zu begeistern vermag, spielt der Mentalmagier mit der Bereitschaft der Zuseher, an übernatürliche Phänomene zu glauben. Stichwort Gedankenleser. Dieses Genre der modernen Bühnenmagie erfordert vom Künstler jedoch keine hellseherischen Fähigkeiten, sondern vielmehr eine exzellente Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, einen guten Schuss Psychologie, gute Vorbereitung sowie ein bisschen Ablenkung und Getrickse.

Heidi und ich sind dieser Form des Entertainments sehr zugetan und lassen uns gerne überraschen und verblüffen. Also harrten wir voll Vorfreude im kulturellen Ambiente des traditionsreichen Wiener Vorstadt-Etablissements auf die Dinge, die da kommen sollten.

Und wir wurden nicht enttäuscht. Eine Mentalshow dieser Art lebt natürlich von den Zusehern, die nach dem Zufallsprinzip auf die Bühne gebeten werden und so zum Teil der Darbietung werden. Dass es sich um eingeweihte Mitarbeiter oder Zuschauer handelt, ist definitiv auszuschließen. Man stelle sich nur vor, ein solcherart eingeschleuster Doppelagent beginnt nach der Vorstellung bei ein paar Bierchen aus dem Nähkästchen zu plaudern… die Karriere des Mentalisten wäre dahin und er müsste auf IT-Berater oder Webdesigner umsatteln.  So staunten meine liebe Frau Moser und ich offenen Mundes, als beliebige Damen und Herren aus dem Publikum dank der hervorragenden Manipulationen des Herrn M. gedankliche Botschaften empfingen, Zeichnungen und Jahreszahlen errieten oder der Mentalist mühelos prophezeite, für welchen x-beliebigen Ort auf dieser Welt sich jemand entscheiden würde. Und über Heidis Rücken lief sogar ein wohlig-gruseliger Schauer, als eine ältere Dame aufgefordert wurde, an eine geliebte verstorbene Person zu denken und ihre gute, alte Freundin Katharina nannte – worauf der Gedankenmagier eine kleine Schatulle öffnete und einen Anhänger zu Tage förderte. Darauf war eingraviert: Zur Erinnerung an Katharina.

Nun gibt es einen Menschen, der es noch mehr hasst als ich, bei solchen Gelegenheiten auf die Bühne und ins Rampenlicht treten zu müssen: Heidi. Schon im Vorfeld hatte sie ihrer Hoffnung Ausdruck verliehen, dass dieser magische Kelch an ihr vorüberziehen möge. Aber nach Moser´s Law geht alles schief, was schiefgehen kann. Für sein nächstes Husarenstück wünschte sich Herr M. eine Dame, die in den ersten Dezember-Tagen geboren wurde. Diese mögen sich erheben. Heidi feiert am 8. Dezember Geburtstag und blieb stocksteif sitzen. Erst nachdem ich ihr meinen Zeigefinger in die Rippen bohrte und „Feigling!“ zischte, stand sie widerwillig auf. Prompt fiel die Wahl des Mentalisten aus etwa 20 Dezember-Damen auf sie. Eine Kamera fing mein treues Weib ein, das nun für jedermann gut sichtbar verlegen lächelnd auf der Leinwand erschien.

 „Wie heißen Sie?“ „Heidi.“ „Mit wem sind Sie heute abend hier?“ Adelheid zeigte auf mich und sagte: „Mit dem Moser.“ „Heidi, denken Sie nun ganz intensiv an eine besonders schöne Zeit in den letzten Wochen oder Monaten… an glückliche Momente. Ich werde versuchen herauszufinden, woran Sie denken. Sollte es mir nicht gelingen, bekommen Sie 50 Euro von mir. Einverstanden?“ Heidi nickte. Der Magier legte die Stirn in Denkfalten, bis er schließlich vermutete: „Es hat mit Schnee, mit Winter zu tun? Vielleicht etwas Sportliches?“ Adelheid hauchte ein entschiedenes „Nein“ ins Mikrofon. „Sie müssen ehrlich sein!“ mahnte Herr M. und Heidi beeilte sich zu versichern, dass sie eine grundehrliche Haut sei, aber ihr Glücksmoment habe nichts mit Winter oder Schnee zu tun. Plötzlich durchzuckte den Gedankenleser eine Idee und er sagte: „Ich sehe die Zahl 99211…. Kommt Ihnen das bekannt vor? Eine Postleitzahl, eine Telefonnummer, irgendetwas?“ Wieder verneinte Adelheid. In diesem Stil ging es nun einige Minuten hin und her, doch M. gelang es nicht, in ihr hübsches Köpfchen einzudringen. Schließlich gab er auf und meinte: „Es kommt zwar nur selten vor, aber ich gebe mich geschlagen – hier sind die 50 Euro.“ Das Publikum applaudierte, Heidi steckte den Fuffi ein und war froh, endlich wieder in der Dunkelheit abtauchen zu können. Ich flüsterte ihr ins Ohr: „Woran hast du gedacht?“ „An den letzten Sommer und die vielen wunderschönen Abende, die wir im Garten verbracht haben“, flüsterte Heidi zurück.

Dann schlug Moser´s Law erneut zu. Unvermittelt sagte der Mentalist: „Heidi, ich habe da noch eine Idee! Sie erinnern sich an die Zahl 99211?“ Er nahm einen Duden zur Hand, der auf einem Tischchen auf der Bühne bereit lag. „Sehen wir mal nach… auf Seite 992, das 1. Wort in der 1. Zeile…“  Die Kamera zoomte auf besagte Seite – und oh Wunder! Klar und deutlich stand hier Sommer, der. Der Magier rief: „Heidi, haben Sie an glückliche Momente im SOMMER gedacht?“ Völlig perplex stammelte sie: „Ja, richtig!“ Tosender Applaus. „Dann bekomme ich jetzt meine 50 Euro zurück“, verkündete der Entertainer unter dem Gejohle der Zuschauer und schwupps! kam seine reizende Assistentin herbeigeeilt und schnappte sich den Geldschein.

Später am heimatlichen Sofa arbeitete ich mit Heidi das Erlebte bei einem Glas Gumpoldskirchner auf. Wir hatten einen Abend voller magischer Momente erlebt und uns letztlich auch auf eine Lösung geeinigt, wie es der Mentalist wahrscheinlich angestellt hat, den „Sommer“ in Heidis Hirn zu hacken. Da aber die Kenntnis der meist simplen und profanen Wahrheit die zauberhafte Magie zerstört, hülle ich mich nun in ergriffenes Schweigen.

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