I have a dream

Nach einer anstrengenden Rabattsammeljagd durch die umliegenden Supermärkte saß ich mit Heidi heute Vormittag in einer kleinen Bäckerei mit angeschlossenem Cafe. Wir genossen unseren schaumigen Latte Macchiato und beobachteten durch die großflächige Glasfront das unergiebige Schneetreiben. Samstag. Himmlische Ruhe, nur durchbrochen von leisem Stimmengemurmel und dem röchelnden Zischen der Kaffeemaschine. Adelheid blätterte in einer Zeitschrift, ich studierte die süßen Verführungen in der Kuchentheke.

Plötzlich und ansatzlos erklang der Evergreen „I have a dream“ des pensionierten Pop-Quartetts ABBA, und zwar in beachtlicher Lautstärke. Rund zehn Sekunden später, kaum hatte ich mich eingegroovt, war das musikalische Intermezzo  auch schon wieder zu Ende. „Das war vielleicht ein Handy“, vermutete Heidi, doch keiner der wenigen anwesenden Gäste hatte Anstalten gemacht, seinen Apparat hervorzuholen. Ich hingegen suchte mit scharfem Blick die holzvertäfelte Decke nach eingebauten Lautsprechern ab. Vielleicht wollte uns ja der Betreiber des Cafes mit beschwingten Klängen unterhalten, hat es sich dann aber anders überlegt. Das Phänomen blieb vorläufig ungeklärt, Heidi vertiefte sich wieder in das Wochenhoroskop und ich belauschte das Gespräch zweier älterer Damen am Nachbartisch. Es ging um Asthma, Rheuma und Fersensporn.

Dabei fiel mir ein, dass ich eigentlich meine Mutter anrufen wollte, um die Details für ihr nahendes Geburtstagsfest zu besprechen. Ich zückte mein Smartphone und sah, dass ich vor zwei Minuten ihren Anruf verpasst hatte. „Mutti hat gerade angerufen“, sagte ich zu Heidi. „Komisch, ich hab gar nichts gehört, obwohl ich das Telefon heute deswegen extra auf laut geschaltet habe.“  Da ich mich durch die diversen Klingel- und Signaltöne immer ein wenig genervt fühle, bevorzuge ich normalerweise die Vibration. „Kein Verlass auf diese blöden Handys“, echauffierte ich mich. „Vor zwei Minuten?“ frug Adelheid stirnrunzelnd. Ich nickte. „Du wolltest doch zu Weihnachten deinen Radar-Love-Klingelton auf etwas Besinnliches mit Engeln ändern…“ gab meine liebe Frau zu bedenken. Sie hatte Recht und in dieser Sekunde erkannte ich, dass es vorhin mein südkoreanischer Android war, der „I have a dream“ intoniert hatte.

„Hallo Mama! Du entschuldige, wir sind gerade im Kaffeehaus und ich hab das Handy nicht gleich gehört…“ Die zwei älteren Damen am Nebentisch lachten laut auf. „Ja, hier ist es wahnsinnig laut, tut mir leid…“

Heidi winkte dem Servierfräulein: „Zahlen bitte!“

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3 Kommentare zu “I have a dream”

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