Vincents Ohr

Schon im Kindergarten buk meine Adelheid Sandkuchen mit ihrer liebsten Freundin Uschi. Das liegt nun schon ein paar Jahrzehnte zurück, doch die beiden sind nach wie vor so unzertrennlich wie Siamesische Zwillinge. Uschimaus, wie die Schwester im Geiste von Heidi mittlerweile genannt wird, begeht – wie schon in den Jahren zuvor – dieser Tage ihren Geburtstag. Steinbock. Ein würdiger Anlass für die zwei Freundinnen, um gemeinsam das Restaurant „Wiedehopf“ aufzusuchen. Sie würden, wie es sich für figurbewusste Damen geziemt, bei Tomate-Mozzarella und gegrillten Hühnerbruststreifen auf frischen Blattsalaten das abgelaufene Jahr Revue passieren lassen und ihre ambitionierten Vorsätze für 2017 feuereifrig besprechen. Ein Damenabend, bei dem zu Ehren des Wiegenfestes auch ein Fläschchen Sekt sprudeln könnte.

Gestern war es wieder soweit. Heidi und Uschimaus hatten Lippenstift und Parfum aufgelegt, und sich lachend Richtung „Wiedehopf“ verabschiedet. Moser blieb allein zu Haus und machte es sich nach dem Genuss von Blutwurst und Erdäpfelschmarrn vor dem Fernseher bequem. Der Kulturkanal arte lockte mit der Dokumentation „Wahn, Wut oder Wollust? – Das Ohr von Vincent van Gogh“. Die Autorin Bernadette Murphy heftete sich mit kriminalistischem Spürsinn auf die Spuren des niederländischen Malers, um das Geheimnis seines abgeschnittenen Ohres zu lüften. Sie nahm mich mit in die bitterarme Jugend von Vincent, erzählte von seinem Bruder Theo, der ihn immer wieder unterstütze und ermutigte, sich der Malerei als Profession hinzugeben. Ich begleitete van Gogh nach Paris und später nach Arles, wo er sich im berühmten „Gelben Haus“ einmietete und wie ein Besessener zu malen begann. Frau Murphy sprach mit Experten und interviewte Nachfahren von Zeitzeugen, wir erfuhren von Alkoholexzessen und der wirren Gedankenwelt des Maler-Genius. Es war wohlig warm und langsam wurden meine Augen schwer. Vincents damals weit berühmterer Kollege Paul Gaugin wohnte eine Zeitlang mit ihm in Arles unter einem Dach – und immer wieder gerieten die zwei Künstler in heftigen Streit, wahrscheinlich befeuert von reichlich Absinth. Hatte sich van Gogh das linke Ohr tatsächlich selbst abgeschnitten, oder war es gar Gaugin, der während einer der Auseinandersetzungen zum Messer griff? Interessiert lauschte ich der angenehm sonoren Erzählerstimme, immer wieder gingen meine Lider auf Halbmast…

… und plötzlich stand ich mit Pinsel und Palette im Atelier in Arles, und malte impressionistische Heringe, die durch gelbe Sonnenblumenfelder schwammen. Gaugin betrat den Raum und begann mich wild zu beschimpfen, meine Malerei schlecht zu machen. Gaugin sah aus wie Dr. Jonas Cerny, mein verdächtig unverdächtiger Kollege aus der Fischkonservenfabrik. Seine riesigen Augen funkelten mich an und spöttisch lachend verhöhnte mich Gaugin-Cerny. Er umkreiste mich und meine Staffelei, in der Hand ein riesiges Messer… dabei watete er bis zu den Knien in Fischköpfen. Mir schlug das Herz bis zum Hals. „Ich werde dir das Ohr abschneiden, du Lump!“ lachte Gaugin-Cerny. Er zupfte mich am Ohrläppchen und ich konnte seinen alkoholgeschwängerten Atem deutlich riechen. Panisch schrie ich „Neeeiiiiiinnn!“. Dann öffnete ich die Augen…

 … und nahm im Halbdunkel eine Gestalt wahr, die mich am Ohr zupfte und „Moser!“ flüsterte. Heidi. Ihr Atem roch zwar nicht nach Absinth, aber nach Wein. Noch in meinem Traum gefangen, richtete ich mich keuchend und schwitzend auf. „Hattest du einen Alptraum?“ frug mein besorgtes Weib. „Kein Wunder! Warum siehst du dir auch so grausame Sendungen an?“ Sie deutete auf den Bildschirm, wo eine Skizze des abgeschnittenen Maler-Ohres, gefertigt vom damals behandelnden Arzt, gezeigt wurde. Heidi schnappte sich die Fernbedienung und schaltete um.

Ich sah eine durch zahlreiche OPs grausam entstellte Frau mit Schlauchboot-Lippen und unnatürlichen Silikon-Ballonbrüsten, die sich im australischen Dschungel eine Handvoll Kakerlaken in den Mund stopfte, und mit einem Glas pürierter Emu-Leber nachspülte. Ich war zurück in der Realität.

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24 Kommentare zu “Vincents Ohr”

  1. Wollte mir die Doku auf arte auch noch anschauen – jetzt aber hab ich Angst bekommen: Was ich wohl dann träume? Einen Czerny-Gaugain-XX hat ja bestimmt jeder … (Cerny heißt ja der unliebsame Kollege, wie ich grad sehe, aber ich lass‘ es mal stehen, weil, vielleicht wär’s ja der Czerny bei mir, der Alptraum für jeden Klavier-Aspiranten 🙂 )

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    1. NACHTRAG (jetzt „antworte“ ich schon auf meinen eigenen Kommentar 🙂 ): Habe mich jetzt doch getraut, die Doku zu sehen – sicherheitshalber zusammen mit meiner Frau, die mein Händchen hielt. Fast immer rege ich mich ja bei den ARTE-Dokus furchtbar auf, weil irgendwann irgendein Idiot auf die Idee kam, solche Dokumentationen „spannend“ aufzubretzeln, mit Mülltonnen voller rhetorischer, dramatischer Fragen und einer Hintergrundmusik, die besser zu „Psycho“ passen würde. Das hielt sich zum Glück bei „van Gogh“ in Grenzen – und ich war erfreut & überrascht, wie die „Amateurin“ da eins der kunsthistorischen Rätseln löste. Insofern abermals meinen Dank!

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