Sayonara

Beunruhigende Nachrichten aus der Fischkonservenfabrik: Gestern Vormittag schlürfte ich vorsichtig heißen Kaffee aus Heidis Thermoskanne und blickte gedankenverloren aus dem Bürofenster. Plötzlich bogen zwei protzige schwarze Limousinen auf den Hof des Betriebsgeländes und spuckten vor dem Haupteingang sechs kleine Japaner aus. Blauschwarzes, streng gescheiteltes Haar, dunkle Anzüge, Krawatten, blank geputzte Schuhe. Direktor Erwin Pfotenhauer sprang herbei und es begann ein endloser Verbeugungsreigen, der mit dem umständlichen Austausch von Visitenkarten abgeschlossen wurde. Dann verschwand die Delegation im Inneren unserer heiligen Hallen. „Was zum Teufel geht hier vor?“ flüsterte ich zu Cerny, der neben mir am Fenster Position bezogen hatte und hinter seinen Brillengläsern mit stark vergrößerten Augen klimperte. „Moser, das bedeutet nichts Gutes“, erklärte der verdächtig unverdächtige Kollege und zog bedeutungsschwanger die mickrigen Augenbrauen hoch. „Möglicherweise eine Fusion. Oder eine Übernahme durch die Japaner.“

Normalerweise gebe ich nicht viel auf Cernys Meinung, aber diesmal schien mir sein Verdacht durchaus plausibel. Was sonst sollten die sechs Söhne Nippons in unserer Konservenfabrik wollen? Der Japaner an sich liebt ja alle Meeresbewohner auf dem Teller, und vielleicht haben sie über geheimnisvolle Kanäle von meiner genialen Idee der vegetarischen Fischkonserven erfahren – jetzt, wo sie die Meere halb leer gefischt haben. Ich musste der Sache auf den Grund gehen und heftete mich an die Fersen der schwarzen Anzüge, die nun unter der Führung des gestikulierenden Pfotenhauer in die Produktionshallen einmarschierten.

Mit steinernen, ausdruckslosen Mienen beobachteten sie unsere Präzisionsmaschinen bei der Arbeit, während ich mich geschickt hinter einer dicken Betonsäule verbarg. „Sis is se machine for our hering in sweet sour sauce“, erklärte unser Direktor in radebrechendem Englisch, die Japaner nickten mit zusammengekniffenen Augen und pressten ständig ein bellendes „Hai!“ hervor. Hai, Hai! Ich spreche zwar kein Japanisch, aber selbst mir wurde klar, was hier gespielt wurde. Die Streber aus dem Land der aufgehenden Sonne wollten unsere Fabrik übernehmen und hier künftig Hai in Aspik oder Haifischflossensuppe produzieren. Entsetzt holte ich leise mein Smartphone hervor und schrieb an Adelheid: „Die Japaner greifen an!“ Eine Minute später schrieb sie zurück: „Seid ihr beim Running Sushi essen?“ Sie schien den Ernst der Lage nicht zu erkennen und ich tippte: „Hai! Das wird unser Pearl Habour!“ Nach ihrer Mitteilung „Lass die Finger vom Reiswein!“ gab ich auf und eilte zurück ins Büro.

Ich wischte mir den kalten Schweiß von der Stirn und setzte Dr. Cerny in Kenntnis: „Gefahr in Verzug! Die Schlitzaugen werden uns übernehmen und Hai in Dosen abfüllen! In wenigen Monaten wird die Belegschaft täglich um 7 Uhr früh am Parkplatz stehen und nach der Pfeife eines Japaners tanzen – Kniebeugen, Liegestütz, Sit Ups. Mens sana in corpore sano, ein gesunder Geist in einem gesunden Körper! Maximale Ausbeutung, 18-Stunden-Tage und die Selbstmordrate wird drastisch steigen, Cerny! Wir werden im Schneidersitz am Boden der Kantine sitzen, schleimige Seegurken und frittierte Seesterne mit Stäbchen essen! Vorbei sind die Zeiten von Leberknödelsuppe und Löffel! Grüner Tee statt Bier und Kaffee. Und abends nach Feierabend um 22 Uhr müssen wir uns in einer Karaoke-Bar mit Sake die Birne zuknallen. Das wird Heidi gar nicht gefallen…“

Auf Wiedersehen schönes Leben!“ murmelte Cerny bekümmert.

„Falsch Cerny. Künftig heißt das Sayonara.“

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13 Kommentare zu “Sayonara”

  1. Ich bin erstaunt, dass Herr Moser bereits vom Fenster aus erkannte, dass es sich um Japaner handelte. Es hätten auch Chinesen sein können. Um mal mit dem deutschen Michel zu sprechen: „Die sehen alle gleich aus!“ Es wäre allerdings etwas schwierig geworden, wenn es statt „Hai“ dann „Shi“ geheißen hätte. Von dem Fisch hab ich auch noch nie gehört. 😉
    Herr Moser, ich fühle mit Ihnen. Unsereins reagiert immer panisch, wenn eine unbekannte Gruppe Schlipsträger mit den Chefs auftaucht und von ihnen hofiert wird. Selten hat es etwas Gutes für unsereins zu bedeuten. Doch ich drücke die Daumen, dass es nicht so arg wird.

    Gefällt 1 Person

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