Pubertät, Pickel & Pythagoras

Halbzeit für die Wiener Schüler: Kommenden Freitag erhält der hoffnungsvolle Nachwuchs Zeugnisse, gefolgt von einer Woche Semesterferien. Luki, der 13-jährige Neffe meiner Frau Adelheid, hat eine durchwachsene Schulnachricht zu erwarten, wobei besonders im gefürchteten Fach „Mathematik“ ein Feuerchen am Dach ist. „Es ist aber auch ein Horror, was von den Kindern in der 4. Klasse heutzutage schon gefordert wird“, rollte Heidi mit den Augen. „Zinsrechnung, Terme, lineare Gleichungen, Äquivalenzumformungen! Warum quält man die armen Kinder mit diesem Wahnsinn, das braucht doch im Leben kein Mensch?!“ „Außer man wird Mathe-Lehrer und quält damit die nächste Generation“, lachte ich. „Unser Schulsystem ist doch völlig verstaubt und überholt, das müsste man dringend mal entrümpeln und den heutigen Anforderungen anpassen“, schnaubte Heidi wütend. Langsam wunderte ich mich, warum sie sich für dieses Thema plötzlich so engagierte. „Gottlob haben wir die Schule längst hinter uns“, beschwichtigte ich meine liebe Frau. „Ja, aber der arme Luki nicht. Er kämpft mit unreiner Haut, sprießenden Achselhaaren und Äquvivalenzumformungen! Er braucht Hilfe, denk mal an deine eigene Schulzeit!“

Da hatte Heidi nicht unrecht. Ich war ein recht spezieller, wenn nicht gar eigenartiger Schüler gewesen – und das schon lange vor der Pubertät. Ich erinnere mich beispielsweise an die zweite Klasse Volksschule, als die komplette 2A von Kopfläusen heimgesucht wurde. Nur ich blieb von den kleinen Krabblern verschont, was dem 7-jährigen Moser-Zwerg arges Kopfzerbrechen bereitete. Die Mädchen und Buben meiner Klasse erhielten vom Lehrkörper und ihren Eltern die volle Aufmerksamkeit, sie lausten sich in den Pausen gegenseitig und stritten sich darum, wer den schöneren Nissenkamm hat. Und ich war außen vor, kein Schwein kümmerte sich um meine Haare oder bedauerte mich. Um mein Defizit auszugleichen, schüttete ich mir eines Tages Kristallzucker in die Frisur und verrieb die weißen Körnchen fest auf der Kopfhaut. Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass an diesem warmen Frühlingstag ein Ausflug in den Botanischen Garten am Programm stand. Außerdem wusste ich damals noch nicht, dass Wespen und Bienen nicht nur auf Blumen und Blüten stehen, sondern auch auf Zucker. Aber immerhin wurde ich umschwärmt wie schon lange nicht mehr.

„Luki kommt in den Semesterferien zu uns“, riss mich Heidi aus meinen Kindheitserinnerungen. „Fein, dass er uns mal besucht“, nickte ich. „Nein, er bleibt während der Ferien bei uns, meine Schwester hat keinen Urlaub bekommen. Und der Junge besucht am Vormittag ein Mathe-Nachhilfeinstitut gleich hier in der Nähe.“ „Du meinst, Luki schläft auch hier?“ „Natürlich, er ist mein Neffe.“ „Aber wir kennen uns mit pubertierenden Burschen nicht aus! Was essen die überhaupt? Ich spreche ja nicht mal ihre Sprache! Ob das wohl gut geht?“ „Keine Angst Moser, trotz Smartphone, Playstation und Jugendsprache ist und bleibt er ein ganz normaler Junge.  Und jetzt hilf mir, den Tisch für unsere Jause zu decken. Ich habe einen Gugelhupf gebacken.“

Als ich das Milchkännchen und die Zuckerdose auf den Tisch stellte, frug ich Heidi: „Bekommen Jungs in dem Alter noch Kopfläuse?“

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8 Kommentare zu “Pubertät, Pickel & Pythagoras”

  1. Lieber Herr Moser!
    Möglicherweise schlägt der Nachhilfeunterricht bei Luki so gut an, dass er sich problemlos mit mathematischen Formeln eine Haartinktur gegen Kopfläuse zusammenmixen kann. Dann hätte er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen 🙂
    Herzliche Grüße nach Wien
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

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