Jugendsünden

Die liebe Leserin D. (Name geändert) schrieb mir sehr wohlwollende Zeilen, in denen sie hervorhob, wie sehr viele meiner Beiträge sie zu erheitern vermögen: „Besonders über die kleine Anekdote mit den Kopfläusen musste ich herzlich lachen! Lieber Herr Moser, bitte mehr solch vergnügliche Geschichten aus Ihrer Kindheit und Jugend!“ Normalerweise erfülle ich keine Leserwünsche, doch im Falle von Fräulein D. möchte ich die Anregung gerne aufgreifen.

Es muss wohl in der ersten oder zweiten Klasse Gymnasium gewesen sein, als ich in zahlreichen Gesprächen mit meinen Mitschülern herausfand, dass ein nicht unerheblicher Teil von ihnen „Scheidungskinder“ war – die Eltern also geschieden waren, in Trennung lebten oder es zumindest vorhatten. Stolz berichteten die Mädchen und Buben, wie sehr sie von ihren Eltern doch geliebt und ihretwegen auf Teufel komm raus gestritten wurde, teilweise sogar vor Gericht. Außerdem genossen sie den nicht unerheblichen Vorteil, Weihnachten und Geburtstag gleich zwei Mal feiern zu dürfen. Es gab so viele Geschenke wie noch nie. Neidisch malte ich mir aus, wie mir Mama Moser die neue Langspielplatte der Archies schenkte, und Papa Poldi sie mit der passenden Stereoanlage übertrumpfen würde. Scheidungskinder lebten in meiner damaligen Vorstellung in einem Schlaraffenland und so schmiedete ich einen perfiden Plan.

Wir verbrachten unseren zweiwöchigen Sommerurlaub Ende der 60er Jahre im italienischen Rimini. Die Sonne verbrannte unsere zarten Kinderschultern, mein Bruder Bertl und ich erhielten zum Trost reichlich Gelati und wir aßen die erste Pizza unseres Lebens. Das Kofferradio spielte Tom Jones, die Bee Gees und die Beatles rauf und runter, meine Eltern hielten Händchen und waren sichtlich glücklich. Zu glücklich für meinen Geschmack. Eines Nachmittags stürzte sich Papa mit der Luftmatratze in die adriatischen Fluten, Mama holte Limonade von der Strandbude, und ich nutzte die Gelegenheit, um mir den Fotoapparat meines Vaters zu schnappen. Heimlich schoss ich ein paar Bikini-Bilder von einer jungen Dame aus Bielefeld, die ebenfalls in unserer kleinen Pension (Il Mare) wohnte und am Frühstückstisch stets freundlich in unsere Richtung grüßte. Rasch stopfte ich den Apparat zurück in die Badetasche und begann zur Ablenkung eine Balgerei mit Bertl. Phase 1 war abgeschlossen.

Zurück in Wien machte ich mich an die Umsetzung der entscheidenden Phase 2. Vor dem Kino unseres Bezirkes fischte ich zwei entwertete Eintrittskarten aus dem Papierkorb, wenn ich mich recht entsinne handelte es sich um den Film „Alexandria – Treibhaus der Sünde“. Das erschien mir passend und ich ließ die zwei Tickets in der Innentasche von Papas Sakko verschwinden. Schließlich opferte ich sogar einen Teil meines Taschengeldes, kaufte in der Drogerie Gerstenberger einen knallroten Lippenstift und ein Fläschchen Parfum („Für meine Mama zum Geburtstag!“ erklärte ich der Verkäuferin). Daheim holte ich eines von Poldis weißen Hemden aus dem Schmutzwäschekorb, trug den Lippenstift auf und küsste etwas widerwillig den Kragen. Anschließend sprühte ich das Hemd mit reichlich billigem Eau de Cologne ein und verstaute es wieder im Korb. Die Saat des Bösen war ausgebracht und ich hoffte auf reiche Ernte.

Wenige Tage später explodierte die Bombe. Mama hatte offenbar die Urlaubsfotos vom Entwickeln abgeholt und knallte sie meinem armen Vater um die Ohren. Es wurde laut und unschön. „Und wie kommt der nuttige Lippenstift an dein Hemd??!!!“ Ich saß im Kinderzimmer und rieb mir die Hände. Bald würde auch ich zum Kreis der erlauchten Scheidungskinder gehören, Doppel-Weihnachten feiern und mit Geschenken und Liebe überhäuft werden. „Mit wem hast du dir diesen schmutzigen Sexfilm angesehen?!!“ Die Kinokarten hatte sie also auch gefunden. Ach, was würden sich die zwei um mich streiten!

Schließlich wurde es ruhig im Wohnzimmer, nur aufgeregtes Geflüster und Getuschel war zu hören. Dann rief mich Papa Poldi herein. Ich musste mich vor ihm an den Schreibtisch setzen und er richtete den grellen Strahl der Tischlampe auf mein Gesicht. „Gestehe, du Lausbub!“ rief er erzürnt mit rotem Gesicht. „Ich weiß zwar nicht warum, aber du hast diese Fotos gemacht und mir Lippenstift an den Kragen geschmiert! Gib es zu!“ „Welche Fotos, welcher Lippenstift?“ frug ich unschuldig. „Das mit den Kinokarten warst doch auch du! Du wolltest dem Papa eins auswischen, weil er dir die blöden BRAVO-Heftln verboten hat! Jetzt sag doch, Bub!“ jammerte Mama Fritzi. „Ich will einen Anwalt“, antwortete ich trotzig. Selbst unter Androhung von Hausarrest und Fernsehverbot (ja, so etwas gab es damals noch) blieben meine Lippen versiegelt und ich konnte des Tatbestandes der Verleumdung und der falschen Verdächtigung niemals überführt werden.

Meine Eltern lieben sich sehr und haben auch meinen Angriff auf ihre Ehe im Endeffekt unbeschadet überstanden. Im kommenden Herbst feiern sie ihren 60. Hochzeitstag und ich denke, das ist ein gebührender Anlass, meine kleine Jugendsünde zu beichten. Das wird eine Freude!

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15 Kommentare zu “Jugendsünden”

  1. Hätte dem jungen Moser damals jemand gesagt, dass die Vorstellung vom Leben als Scheidungskind im Schlaraffenland ein Mythos ist, hätte er vermutlich auf diesen intriganten, perfiden Plan verzichtet. Und wir hätten jetzt auf diese amüsante Geschichte verzichten müssen. Wäre doch schade drum! 🙂

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  2. Was für eine „kriminelle“ Energie, Herr Moser! Ich bin erschüttert. 😉 Ja, Fernsehverbot, das war noch was. Heute hilft nur Handy-Verbot, doch bei den Entzugserscheinungen treibt man die Jugend von heute noch auf die schiefe Bahn.

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