Luki in da Reihenhouse

Gestern Abend war es soweit: Heidis 13-jähriger Neffe Luki schlug seine Zelte in unserem beschaulichen Reihenhaus auf. Aufgrund beruflicher Unabkömmlichkeit seiner Eltern wird er die dieswöchigen Semesterferien bei den Mosers verbringen und vormittags in einem nahegelegenen Nachhilfeinstitut in der hohen Kunst der Mathematik unterrichtet. Ich zeigte dem jungen Mann sein Quartier in meinem Arbeitszimmer: „Die Couch ist aufklappbar, in der Lade findest du Bettzeug.“ „Wo ist die Playstation?“ fahndete Lukis Blick vergeblich nach Unterhaltungselektronik. „Keine Playstation. Und meine Modellautos bitte nicht berühren! Das sind Sammlerstücke und kein Spielzeug!“ „Glaubst du, ich spiele noch mit Autos?“ lachte er verächtlich und schob sein schwarzes Käppi keck in den Nacken. Beim Hinausgehen blinzelte ich ihm zu: „In 10 Minuten gibt es Essen.“

Meine brave Adelheid hatte einen extra großen Krustenbraten mit knuspriger Schwarte, Semmelknödel und Rotkraut gerichtet. „Hau rein!“ stellte sie den dampfenden Teller vor Lukis Nase. Verführerischer Knoblauchduft machte sich breit. „Ihr jungen Leute habt ja immer Hunger!“ Misstrauisch beäugte unser Gast die fettige Fleischscheibe samt Beilagen: „Was bitte ist das?“ „Ein Schweinsbraten mit Kraut und Knödel“, klärte ich ihn lächelnd auf. „Mahlzeit!“ Lukas schob den Teller beiseite, rümpfte die Nase und meinte: „Bevor ich Schweinefleisch esse, werde ich lieber Austria-Wien-Anhänger.“ Dazu muss man wissen, dass Heidis sportbegeisterter und fußballverrückter Neffe seit frühester Kindheit ein eingeschworener Fan des Wiener Traditionsclubs Rapid ist und Erzrivale Austria Wien der Leibhaftige persönlich.

Diese Abneigung  gegen Schweinernes warf Heidi ein wenig aus der Bahn. Noch nie hatte jemand ihren famosen Krustenbraten verweigert. „Aber koste wenigstens ein kleines Stück! Das wird dir schmecken, ganz saftig!“ versuchte ihn meine Frau umzustimmen. Doch Luki machte keine Anstalten, den Braten anzurühren und vertiefte sich in sein Smartphone. „Also gut, magst du vielleicht einen Schinken-Käse-Toast?“ Der Bub nickte: „Mit Ketchup.“ Wenig später biss er in das gebräunte, belegte Weißbrot mit geschmolzenem Käse und ich frug: „Schmeckt´s?“ Luki antwortete mit vollem Mund und es klang wie „Heiß!“ „Ja, ganz frisch! Pass auf, damit du dich nicht verbrennst!“ Schließlich klärte uns die Kind-Teenager-Mischung auf, dass er „Nice!“ gesagt hatte und nicht „heiß“. Nice ist das neue Cool.  Dass der Schinken im Toast aus Schweinefleisch besteht, haben wir dem armen Jungen nicht verraten. Auf einen Wechsel ins verfeindete, violette Austria-Lager hätte der durch und durch grün-weiße Rapidler Luki möglicherweise magenverstimmt reagiert.

Kurz nach 1:00 früh wurden wir von einem Höllenlärm geweckt. Es klang, als würde eine Horde besoffener Tschetschenen unser Wohnzimmer ausräumen. „Bitte schau nach, was los ist…“ flüsterte Heidi. Ich schnappte mir mein Schweizer Taschenmesser aus Nachttisch-Lade und schlich heldenhaft die Treppe runter. Im Schein des Fernsehers saß Luki auf der Couch, mampfte Kartoffelchips mit Barbecue-Geschmack und trank Eistee Pfirsich aus der Flasche. „Lukaaas!!“ rief ich entsetzt. „Was bitteschön machst du da mitten in der Nacht?!“ „Chill Moser“, kam es aus dem Dunkel zurück, „Super Bowl, eines der größten Sportevents der Welt.“ Unter heftigem Protest entwendete ich ihm die Fernbedienung, drehte den Kasten ab und schleppte den Jungen zurück ins Arbeitszimmer. „Und jetzt wird geschlafen, morgen um 9:00 beginnt die Mathe-Nachhilfe!!“

Als Luki heute früh verdächtig schweigsam und mit stark verquollenen Augen über seinen Cornflakes saß, meinte ich zu ihm: „Verstehst du, warum du nicht die ganze Nacht fernsehen darfst? Du siehst ja jetzt schon völlig fertig aus. Vielleicht wird der Super Bowl heute am Nachmittag auf irgendeinem Sportkanal wiederholt.“ Mit müdem Blick sah mich Lukas an: „Schon mal was von Live-Stream am Handy gehört? Die New England Patriots haben in einer unglaublichen Aufholjagd gegen die Atlanta Falcons gewonnen…“

Es wird mit Sicherheit eine interessante Woche.

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8 Kommentare zu „Luki in da Reihenhouse“

  1. Da sieht man’s wieder: die Jugend von heute und die moderne Technik sind uns Alten immer einen Schritt voraus. Wenn’s hart auf hart kommt, hilft vielleicht das Abschalten des WLANs über Nacht, Passwort ändern oder so.
    Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

    Gefällt 1 Person

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