Flaschenzug

Als ich gestern am späten Nachmittag aus der Fischkonservenfabrik heimkehrte, lümmelte unser junger Hausgast Luki auf der Couch und bediente virtuos sein Smartphone mit beiden Daumen. Heidi zupfte mich am Ärmel und winkte mich geheimnistuerisch in die Küche: „Babsi hat mich gebeten, dass wir mit dem Jungen auch ein bisschen Physik lernen. Ist nicht sein stärkstes Fach.“ „Wer ist Babsi?“ „Barbara. Meine Schwester Babsi, die Mama von Luki!“ verdrehte Heidi die Augen. „Ach so. Aber ich habe von Physik auch keine Ahnung.“ „Am Esstisch liegen seine Hefte und Bücher. Frag ihn halt ein bisschen ab, jetzt mach!“ Nun war es an mir, die Augen zu verdrehen.

Meine Bitte, sich zu mir an den Tisch zu setzen, beantwortete Luki ungefähr zehn Mal mit „Ja, gleich“, „sofort“ und „komme!“. Eine halbe Stunde später saß er mir tatsächlich gegenüber. Ich schnappte mir das Physikbuch, blätterte ein wenig darin und nickte wissend mit dem Kopf, verstand aber nur Bahnhof. Schließlich entdeckte ich die Skizze eines Flaschenzugs und ich atmete auf. „Zeichne mir doch mal einen Flaschenzug, Luki!“ Der Bub dachte kurz nach, dann erhellte sich seine Miene und er malte die oben abgebildete Zeichnung. Eine Lokomotive mit einem Anhänger voller Flaschen, eben einen Flaschenzug. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass man Kinder heutzutage sehr viel loben muss. Also strich ich Luki über die gegelte Stachelfrisur und sagte: „Das war sehr kreativ und logisch gedacht! Aber leider falsch.“

Dabei entsann ich mich meiner eigenen Schulzeit, wo ich ähnlich wie Heidis Neffe mit Kreativität glänzte. Ich erzählte Luki Anekdoten aus meiner schulischen Laufbahn, unter anderem von einem Test in Geschichte. Dort tauchte die Frage nach der Staatsform Österreichs auf, die ich damals mit den Worten Österreich ist keulenförmig beantwortete. Zum Beweis hatte ich einen Umriss unseres schönen Landes aufgemalt. Eindeutig keulenförmig. Doch die Geschichtslehrerin hatte wohl eher eine Antwort wie Republik oder Demokratie erwartet. „Siehst du Luki“, sagte ich, „Jungs in deinem Alter haben oft einen ganz anderen Lösungsansatz bei Problemen.“ „Alternative Fakten“, nickte unser pubertierender Gast.

oesterreich

Das viele Erzählen hatte mich durstig gemacht und ich holte mir eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Ich setzte mich wieder an den Tisch und nahm ein paar tiefe Schlucke. Luki sah mich bewundernd an und meinte: „Du hast einen ordentlichen Flaschenzug, Onkel Moser!“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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13 Kommentare zu „Flaschenzug“

  1. Lieber Herr Moser!
    Das sieht doch sehr vielversprechend aus. Luki scheint ja wirklich etwas in der Schule zu lernen. Wenns mit der Physikerkarriere nichts wird, kann der Neffe immer noch die Künstlerlaufbahn einschlagen. Eine Flasche ist er in jedem Falle nicht! 🙂
    Herzliche Grüße ins Keulenland
    Mallybeau

    Gefällt 2 Personen

  2. Ausgerechnet einen Flaschenzug.
    Ich dachte, das wär was kompliziertes, weil ich den noch nie richtig begriffen hab. Jetzt ist mir alles klar geworden.
    Schade, dass Albert Einstein deinen Artikle nicht lesen konnte. Er hätte seine helle Freude gehabt.
    Bis später mal wieder!
    Jürgen aus Loy, der Flachlandtiroler

    Gefällt 1 Person

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